Das Haus in der Suttnerstraße, wo Frau Sallmann wohnte.
Das Haus in der Suttnerstraße, wo Frau Sallmann wohnte.

Nachbarschaft im Lindenhof zwischen Mythos und Erfahrung

„Denken Sie mal, ich bin 59 Jahre verheiratet und geh' heute noch mit meiner großen Wäsche nach'm Lindenhof. In die Waschküche. Egal, welcher Waschmeister da ist, ich frag': »Kann ich waschen?« - »Aber, Mariechen, warum fragst Du denn, Du als alter Lindenhofer, natürlich kannst Du waschen.« Und das ist ganz wunderbar. Sehen Sie mal, ich komme mit meiner Wäsche hier an, und ich mache sie 'rein in die Trommel, die wird gewaschen, dann kommt sie in den Triesel und wird ausgetrieselt und dann wird sie ausgeschlagen und wird durch die Mangel gelassen, die großen Bezüge und die Tischtücher, alles durch. Stellen Sie sich mal vor, Sie kommen nach Hause und Sie legen die Wäsche so in den Schrank, schrankfertig. Neulich, da sind wir in der Waschküche und da ist eine Dame, 96 Jahre, und die sagt zu mir: »Mimi, werd so alt wie ich.« Nicht, die Alten, die kennen mich noch, die können ja gar nicht vergessen, wer ich bin und wo ich herkomme, und ich kenne die alle. Wenn wir waschen gehen, ist da auch Frau G. Die hat links von uns gewohnt, früher, und heute wohnt sie rechts von uns. Da war eine Familie G. mit drei Söhnen, und der eine hat die dann geheiratet. Der war Steinmetz und heiratete auch eine aus dem Lindenhof. Wenn wir hier die Domnauerstraße 'runterkommen, und Paula kuckt aus dem Fenster, sag' ich: »Tag Paula! Wie geht's Dir denn?« - »Na ja, so einigermaßen, unserem Alter entsprechend.« Und dann sagt sie: »Mariechen, Du kannst Dich auch nicht trennen vom Lindenhof, was?« Also, verstehen Sie, weil wir da zusammen groß geworden sind, ist das, [...] das ist die Heimat und bleibt die Heimat.“

Frau Marie Sallmann ist heute 79 Jahre alt und wohnt seit 1948 nicht mehr im Lindenhof. Trotzdem ist ihre Verbundenheit mit der Siedlung groß. Frau Sallmann legt mit ihrem Mann, auch einem alten Lindenhofer, einmal in der Woche mit einem Berg Wäsche den Weg von Tempelhof nach Lindenhof zurück, mit dem Bus und zu Fuß.
Frau Sallmanns Anhänglichkeit beruht zum einen auf der praktischen und konkreten Arbeitserleichterung, die das moderne Waschhaus der Genossenschaft heute wie früher bietet. Der eigentliche Anreiz, den umständlichen Weg zurückzulegen, sind aber die Kontakte, die sich beim Waschen ergeben: „Das ist ganz wunderbar.“
Auf dem Weg, der an ihrer ehemaligen Wohnung vorbeiführt, spricht Frau Sallmann mit ihrer früheren direkten Nachbarin. Diese wohnt noch heute dort, und beide unterhalten sich ganz selbstverständlich über persönliche Probleme, die für sie heute zentral sind: Alter und Krankheit. Die gemeinsame Geschichte ist beiden gegenwärtig und ermöglicht die Vertrautheit heute, trotz der veränderten Lebenszusammenhänge.
Die Verbundenheit Frau Sallmanns entsteht aus ihrer sozialen Bekanntheit unter den alten Siedlungsgenossen: „Die können gar nicht vergessen, wer ich bin und wo ich herkomme.“ Ihre persönliche Rolle in der Siedlungsgemeinschaft ist heute noch bekannt, ihr Herkommen, d. h. ihre Familie auch. Sie wird geduzt, mit Vornamen oder Kosenamen angeredet. Sie ist ein „alter Lindenhofer“. Sie gehört immer noch dazu und darf waschen, obwohl sie formal nicht mehr Mitglied ist. Umgekehrt kennt sie selbst auch die Rollen und Lebensläufe der anderen Genossen. Sie findet sich im Geflecht der Beziehungen zurecht, das die Siedlung überzieht und an ihrem Rand endet: „Wir Lindenhofer“ und „die anderen“. Innerhalb dieses Geflechts hat Frau Sallmann ihre besonderen Beziehungen zu „den alten“.

Nachbarschaftliche Zusammengehörigkeit wird in unseren Interviews als eine der Besonderheiten des Lebens im „alten“ Lindenhof geschildert. In den Erzählungen werden drei Ebenen beschrieben:

  • Die Genossenschaft, die Architektur und die planerische Gestaltung schufen den formalen Rahmen für die Entwicklung. Sie boten z. B. mit den Selbstversorgungsgärten, den Gemeinschaftseinrichtungen wie dem Waschhaus und Siedlungsfesten Anlässe, ins Gespräch zu kommen, zu sehen und gesehen zu werden. Die genossenschaftliche Selbsthilfe war darüber hinaus ein Angebot, materielle Benachteiligungen auszugleichen. Wer von den Bewohnern hätte sich z. B. eine eigene Waschmaschine leisten können? Genossenschaft war zum Teil institutionalisierte Nachbarschaftshilfe für alle Mitglieder.
  • Die Siedlungsgemeinschaft setzte sich aus kleineren Teilgruppen zusammen. Die unterschiedlichen Parteien, Vereine, Altersgruppen und sozialen Gruppen (z. B. die Geschäftsleute) waren nicht für alle gleichermaßen zugängliche Fraktionen in der Siedlungsöffentlichkeit. Sie hatten besondere Treffpunkte, besondere Solidar- und Kommunikationsstrukturen. Andererseits beteiligten sie sich am Gemeinschaftsleben aller (an Festen und Hilfsaktionen) und boten z. B. in den über die Siedlung verstreuten Ladenlokalen vielfältige Gelegenheiten, miteinander (oder übereinander) zu reden.
  • Zudem bestanden viele informelle Nachbarschaftsbeziehungen der einzelnen Siedlungsbewohner untereinander. Sie entstanden aus räumlicher Nähe und unmittelbarer Nachbarschaft. Diese umfassen fünf bis sechs Häuser, im Höchstfall eine Straße. Ihre Bewohner sahen sich, auch aufgrund der durch Überbelegung beengten Wohnsituation, notgedrungen häufig. Die zum Teil als Außenwohnraum genutzten Balkone und die Gärten schufen zusätzliche Anlässe. Man grüßte, redete miteinander, tauschte und borgte.

Heute hat sich der Schwerpunkt des nachbarschaftlichen Zusammenlebens von der praktischen Hilfe, die in schlechten Zeiten lebensnotwendig und unumgänglich war, verschoben hin zu gemeinsamen Erinnerungen. Am Beispiel der Erfahrungen von Frau Sallmann soll im folgenden versucht werden, die Veränderungen im nachbarschaftlichen Gefüge der Siedlung von 1920 bis in die fünfziger Jahre darzustellen.
Frau Sallmann beharrt auf einem Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsamen Erinnerung: „Das ist die Heimat und bleibt die Heimat.“ Ihr und anderen unserer Interviewpartner sind die Kontakte und die Verbindung zur Siedlung wichtig.
Aber Marie Sallmann wohnt heute nicht mehr in der Siedlung. Sie will auch nicht dahin zurück. Der Wunsch nach Zusammengehörigkeit und Nähe hat Grenzen, scheint zwiespältig. Wann und wodurch sind diese Grenzen entstanden, welcher Art sind sie? Gelten sie auch für andere Siedlungsgenossen und -genossinnen?

„... wer ich bin und wo ich herkomme“:

Marie Sallmann mit ihrem ersten Sohn Reinhold, ca. 1930
Frau Sallmann mit ihrem ersten Sohn (meinem Vater [Anm. Pavitro]), ca. 1930
Klempnermeister Georg Wittkowsky
Klempnermeister Georg Wittkowsky

„Ich bin ja heute noch nicht groß, ich war ja immer bloß so 'ne Kleine. Und vorne in unserer Straße, da war die Drogerie. Und wenn ich da einkaufen ging und Frau Friedrichs war hinterm Ladentisch, da sagte die: 'Mimichen'. Und die sagte, solange wie die mich kannte, 'Mimichen'. 'Mimichen', sagte sie. Andere sagten meist Mariechen.“

Frau Sallmann (Jg. 1908) ist die älteste Tochter des Klempnermeisters Georg Wittkowsky, der 1920 mit Frau, Sohn und Tochter in den Lindenhof zog. Sie wohnten in einer Zweizimmerwohnung in der Suttnerstraße. Die Mutter war Hausfrau und half, als der Vater sich 1922 selbständig machte, im kleinen Handwerksbetrieb mit. Das Geschäft war in der Wohnung und einem dazugehörenden Kellerraum untergebracht.
Marie selbst wird nach ihrer Schulentlassung 1922 und während der Inflation 1923, die der kleinen Werkstatt sehr zusetzt, immer stärker in den Familienbetrieb mit einbezogen. Sie arbeitet mit dem Vater im Nebenerwerb auf Wochenmärkten. An der Jugendweihe, die in der stark an der SPD-Tradition orientierten Familie genauso wie in der Siedlung beinahe selbstverständlich ist, muß sie im geliehenen Kleid und alten Schuhen teilnehmen. Ab 1924 geht es der Familie, da der Vater mit seinem vergrößerten Betrieb fest für die Genossenschaft arbeitet, d. h. alle anfallenden Reparaturen ausführt, finanziell gesehen gut.

Das Geschäft, das haben wir in der Wohnung gehabt…

„Das Geschäft, das haben wir in der Wohnung gehabt, und wir haben unten 'n solch großen Keller gehabt, daß mein Vater 'ne Werkstatt unten hatte. Da hatten wir in der Küche so 'ne Luke eingebaut, da konnte man runter, und da konnte meine Mutter immer runterbrüllen und er hoch. In der Wohnung, in der Nische hinter der Tür, hatten wir ein Regal zu stehen. Das hatte mein Vater alles gebaut und hat da eben alles drin gehabt, da war'n Sicherungen und Birnen und so was alles. Und im Herrenzimmer, das war das kleine Zimmer vorne gleich vom Korridor aus, hat er die Rechnungen geschrieben, und vorne, wissen Sie doch, ist doch das Geschäftsbüro. Das war früher da, wo heute der Konsum ist, da war früher das Geschäftsbüro. Da kriegte mein Vater dann solche Zettel, Bestellzettel, Zettel mit Durchschlag, und dann ging mein Vater zu diesem Kunden und hat das machen lassen, hat das gemacht oder 'nen Gesellen hingeschickt, und die mußten das unterschreiben, und dann hat mein Vater jeden Sonnabend eine Rechnung eingereicht ins Büro und kriegte dafür 's Geld.“ Wittkowskys sind aber auch noch über eine andere Eigenheit bekannt:
"In unserer Familie hörten alle schwer. Die haben so laut gesprochen, daß andere Leute, die um uns 'rumwohnten, eben immer gedacht haben, die zanken sich. Und wenn mein Vater nun meine Großmutter an die Bahn gebracht hat und die wollte unterwegs was von ihm, hat sie so laut gesprochen, richtig geschrien, da wußte ganz Lindenhof, Orje bringt seine Mutter zur Straßenbahn, und die haben ganz genau gewußt, über was die sich unterhalten haben."

Wenn sich engere Kontakte ergeben…

Gemeinsames Weihnachtsfest der Familien Bosak und Wittkowsky
Gemeinsames Weihnachtsfest der Familien Bosak und Wittkowsky

Wenn sich engere Kontakte ergeben, kommen besondere Beziehungen, wie z. B. Schulfreundschaften zum Nebeneinanderwohnen hinzu. Die Siedlungsschule, in die nur Lindenhofer Rinder gingen, trug viel zum Entstehen eines Gemeinschaftsgefühls bei. Außerdem wurden Unterschiede gemacht. Willi, den Kommunisten, kannte Marie Sallmann; von Hilfe oder gar Solidarität erzählt sie nichts. Gegenüber Familie B. ist die sporadische Unterstützung begleitet von kleinen 'Spitzen'. Soziale Grenzen werden erkennbar, aber von beiden Seiten nicht direkt angesprochen. Es bleibt die Möglichkeit, das Gesicht zu wahren. Aber das heißt auch, nach außen die Fassade aufrecht zu erhalten: 'Man kuckt uns nicht in den Magen, sondern auf den Kragen.' Mit Familie Bosak 'verkehren? Wittkowskys. Hans Bosak ist im Vorstand der Genossenschaft Schriftführer gewesen und war Mitglied im Vergnügungs- und Sportausschuß. Er ist auch Geschäftsmann: nämlich Vertreter für Opel-Fahrräder, den die Genossenschaft im Mitteilungsblatt ihren Mitgliedern empfiehlt. Darüber hinaus ist er Vertreter der Volksfürsorge und somit als Mitglied der SPD-orientierten Siedlungsmehrheit zu erkennen.

Die Spielräume innerhalb dieser sozialen Situation, die relativ einheitlich war, sind klein. Die subtilen Unterschiede, die gemacht werden, sind entscheidend.
Die selbstverständliche Hilfe wird vorwiegend innerhalb einzelner sozialer Gruppen geleistet: Hier im Kreise der Geschäftsleute oder SPD-Genossen. In den Interviews wird nicht von spontaner Hilfe erzählt, die diese Grenze überschritten hätte. Intensivere Kontakte ergeben sich vorwiegend innerhalb der einzelnen Kreise.
Der Vater von Marie Sallmann, aktiv in der örtlichen SPD-Abteilung und im Schwerhörigenverein seiner Partei, ist durch seinen Beruf auch an repräsentativen und feierlichen Aktivitäten in der Siedlungsöffentlichkeit beteiligt. Er gehört am Rand mit zu den Honoratioren in der Siedlung.

"Mein Vater, der hatte die Fahne! Wenn irgendwas los war, dann wurde doch im Lindenhof die Fahne gehißt. Und diese Fahnen, die hatten wir auf dem Boden in einem Reisekoffer, und immer wenn was los war, dann sind mein Bruder und die Gesellen, mein Vater hatte meistens so sieben Gesellen, dann sind die gegangen und haben die Fahnen gehißt, vorne, am Eingang, am Geschäftszimmer und am Ledigenheim."

Der Vater baut an Weihnachten auch die Stellage für den großen Baum am Eingangstor der Siedlung und installiert die elektrischen Lichter. Und Marie wird, auch nachdem sie verheiratet ist, mit ihren Kindern zur Weihnachtsfeier der Genossenschaft, von der in vielen Interviews erzählt wird, eingeladen. Sie hat Anteil am Ansehen des Vaters, und die große Tüte für die Kinder kommt auch nicht ungelegen.

„Hättest Du Dich umgedreht und wärst weggegangen...“

Die Harmonie des Siedlungslebens, die von der Genossenschaft durch Feste oder im Mitteilungsblatt gefördert wird, gerät am Ende der Weimarer Republik in Gefahr. Diese Harmonie beruht darauf, daß die einzelnen Gruppen einander - unter Führung der SPD - unbehelligt lassen. Dieses Übereinkommen gerät ins Wanken.
Einer der Gesellen des Vaters von Marie Sallmann ist Kommunist:

„Das wußten wir, daß der'n Kommunist ist. Also ein Tag kam er, hatte 'n Kopf verbunden, oder er hatte das Bein gebrochen, oder er hatte 'n Arm kaputt. Da hat mein Vater ihm gesagt: 'Sag mal, warum mußt Du Dich immer hauen?' Ja, das und das wäre gewesen. 'Mensch', sagt er, 'hättest Du Dich umgedreht und wärst weggegangen'. Ein Geselle von uns. Und es war furchtbar, ganz schrecklich. Und mein Vater hat das verurteilt. Er hat gesagt: 'Wenn man denen keine Wurstzipfel sozusagen keine hinschmeißt, dann können sie einem doch nichts machen.' Aber er war immer dabei.“

Im Nachhinein stellt sich heraus, daß das Harmoniebestreben des Vaters gegenüber den Nationalsozialisten versagt. Er selbst wird verhaftet, geprügelt und stirbt Jahre später an den Folgen. Das Geschäft wird geschlossen.
Immer wieder wird in den Interviews von Streitigkeiten zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten berichtet. Darüber, wie am besten gegen die Nationalsozialisten vorzugehen sei, bzw. daß die KPD so 'aggressive' Werbung machte und damit den Konsens ebenso in Gefahr bringe wie die Nazis. In den meisten Fällen läßt sich im Rückblick nicht mehr rekonstruieren, was in den Erzählungen Rechtfertigungen oder Erklärungsversuche für den späteren Sieg der Nazis sind und was auf realen Auseinandersetzungen beruht, die - von Kommunisten 'angezettelt' - den Sieg der Nazis, wie oft argumentiert wird, mit vorbereitet hätten. Heute rücken viele unserer Gesprächspartner die Kommunisten schon für diese Zeit in die Nähe der Nationalsozialisten.

Eine Geschichte aber hat weite Kreise gezogen und läßt sich deshalb genauer verfolgen. Im Haus Eythstraße 49 wohnt bis zu seiner Verhaftung am 23. 10. 1931 der Heizer Nikolaus Überbrück. Er ist einer der siedlungsbekannten Kommunisten, der oft für den Aufsichtsrat der Genossenschaft kandidiert hat und unterlegen ist. Er ist aktiv in der 'Roten Hilfe' und als Bezirksobmann der Genossenschaft. Er ist beteiligt am Zustandekommen einer außerordentlichen Mitgliederversammlung der Genossenschaft, die sich 1926 um Mietermitsprache und Mietpreise dreht. Nikolaus Überbrück wird 1931 bei seiner Ankunft aus Breslau auf dem Bahnhof in Berlin verhaftet. Er hat zwei Koffer mit Sprengstoff bei sich. Bei einer Haussuchung im Lindenhof werden umfangreiche Mengen kommunistische Schriften sowie eine große Anzahl von Materialien, die zur Herstellung von Attentatsgeräten dienen, vorgefunden. Nikolaus Überbrück wird zu acht Jahren Zuchthaus und vier Jahren Ehrverlust verurteilt, zu seiner Verteidigung gibt er an, das Ziel seiner Arbeit und der seiner Genossen sei die Abwehr faschistischer Angriffe gewesen. Weiter entfernt wohnende Siedlungsgenossen erfahren nur vom Hörensagen, aus der Zeitung oder in der Siedlungsschule von dem Fall. "'n Bombenleger war auch dabei, bei uns in der Siedlung, stand mal in der Zeitung." "In der Schule haben sie uns erzählt, da hätte die ganze Siedlung in die Luft fliegen können, wenn das hochgegangen wär'."

Helmut Anwein (Jahrgang 1912), wohnte unmittelbar neben Herrn Überbrück, der mit seinem Bruder befreundet war. "Der wohnte zwei Häuser weiter von uns und war ein wunderbarer Mensch, wie man so sagt, wirklich. Aber es ist ja nicht von der Hand zu weisen, daß sie da eine ganze Menge 'rausgebuddelt haben aus dem Keller. Tatsache ist, daß er tatsächlich Sprengmaterial hatte. Nun haben natürlich gleich alle losgeschrien: 'Du meine Güte!' Das müssen Sie sich vorstellen, das war ja noch vor '33, wie sie auf den dann so losgehackt haben. Da haben sie ein bißchen stark rumgesponnen. Sie haben dann gesagt, wenn das losgegangen wäre, wären wir alle weggeflogen. Das hat die SPD zum Anlaß genommen, die Kommunisten in Mißkredit zu bringen. Also ich meine, von den paar Dingern, die da drin waren, wäre die Siedlung nie in die Luft geflogen." Nikolaus Überbrück wird am 31. 12. 1931 aus der Genossenschaft ausgeschlossen, was für rechtskräftig Verurteilte vom Genossenschaftsgesetz und der Satzung vorgeschrieben war. Die Genossenschaftsverwaltung nimmt Frau Überbrück als Mitglied auf, die Familie ist noch im Adreßbuch von 1943 aufgeführt und wird in den Genossenschaftsunterlagen nach dem Krieg in einer anderen Wohnung erwähnt. Über den Verbleib von Nikolaus Überbrück ist nichts bekannt. Aus den Geschichten Frau Sallmanns formt sich das Bild vom Lindenhof als Bezugspunkt eines kollektiven Zusammenhangs. Man kannte einander, wußte, was voneinander zu halten war, wo in der oft großen materiellen Not Hilfe zu erwarten war und wo nicht. Lebensläufe sind bekannt, auch über Generationen hinweg. Die soziale Orientierung reicht über die eigene Familie hinaus. Politische Lager (in einigen Interviews auch konfessionelle Zugehörigkeiten) sind bekannt und fuhren zu interner Gruppenbildung in der Siedlung. Die Grenzen sind fließend und subtil. In Frau Sallmanns Darstellung fallen diese Grenzen mit Parteigrenzen zusammen. Das stimmt mit Erzählungen in anderen Interviews und Beobachtungen im Mitteilungsblatt überein.
Auf der siedlungsoffiziellen Ebene gab es Fraktionen: Repräsentative Aufgaben wie die von Herrn Bosak oder Wittkowsky waren der SPD vorbehalten; die Kommunisten waren als Opposition integriert.
Letzteres läßt sich aus den Berichten über die Vorstandswahlen auf den Mitgliederversammlungen schließen. Die Gegenkandidaten der Vorschlagsliste des Aufsichtsrates der Genossenschaft sind in beinahe allen Fällen siedlungsbekannte Kommunisten, die bei den Wahlen unterliegen. Einige kleinere religiöse Gruppen sind völlig bedeutungslos. An Festtagen wie dem Sommerfest oder zur Weihnachtsfeier werden diese Gegensätze 'kameradschaftlich überspielt'. Aber diese Fraktionen durchziehen nicht alle Ebenen des nachbarschaftlichen Zusammenlebens. In den Vereinen (z. B. im Männergesangsverein 'Sängertreu' und in den Sportvereinen), in den Geschäften oder auf der Straße und in den Gärten treffen sich die Fraktionäre in veränderten Rollen und Zusammensetzungen wieder.
Diese Uneindeutigkeit der Regeln macht es notwendig, eine gemeinsame Richtschnur zu finden, auf die bezogen die Regeln ausgehandelt werden. Für die Weimarer Zeit scheint diese Regel, der Siedlungskonsens, gelautet zu haben: 'Leben und leben lassen'.
Christine Inn (Jg. 1920) formuliert das so:
"Der Schuster, der war ja auch Kommunist, ganz stark, aber alles so ideal eingestellte Leute, die haben uns ja gar nichts getan. Bloß wir wußten es, hat uns ja auch nicht gestört. Wenn die ihre Umzüge gemacht haben, sind wir an den Gartenzaun gelaufen, na ja, sollen sie doch. Aber wir waren nicht dagegen eingestellt. Meine Eltern waren in der SPD."

Aus diesem Zitat spricht die Position der Stärke, aus der heraus man sich Toleranz leisten konnte. Solange der von der SPD formulierte Konsens nicht gestört wurde, gab es keine Schwierigkeiten. Man lebte unbehelligt nebeneinander.
Emil Heit (Jg. 1920) berichtet Vergleichbares aus seiner kommunistisch orientierten Familie:
"Das war wie 'ne Familie nachher. Das kann man mit Worten gar nicht so richtig sagen, man kann das nur schwer erklären, was da wirklich für eine Harmonie herrschte, innerhalb, unter uns. Das war für einen Außenstehenden schwer, da 'rein zu kommen, außer, er war mit denen politisch das gleiche."

Im Gegensatz zu diesen genau unterscheidenden Beschreibungen wird in vielen Interviews heute die Zeit der Weimarer Republik, die Zeit vor dem Nationalsozialismus sehr idealisiert. Herr Siemsen (Jg. 1903), ebenfalls aus kommunistischer Familie, beschreibt: "Das war wie eine Familie. Ich will sagen: Es gab keine Reibereien zwischen SPD und KPD. Im Gegenteil. Der alte Geist in Lindenhof, da reden heute noch Verschiedene von, das bin nicht ich nur alleine."
Genauere Erzählungen oder Beschreibungen, wie dieser Zusammenhalt sich ausgewirkt oder wie die Hilfe in der Not ausgesehen habe, kommen nicht vor oder beziehen sich wie bei Frau Sallmann auf genau ausgewählte Genossen. Das legt den Schluß nahe, daß die Vorstellung vom Lindenhof als einer einzigen großen Familie schon damals ein Traum war, der in jeder Gruppe unabhängig voneinander geträumt wurde und der rückblickend als damals gelebte Realität erscheint.

„Schlimm war's erst, als diese gestiefelte SA durchzog...“

In der Nacht zum Gründonnerstag 1933 (13. April), findet ein SA-Überfall im Lindenhof statt. Die Machtergreifung im Lindenhof. Viele bekannte und auffindbare Kommunisten und SPD-Funktionäre werden verhaftet, geprügelt und mißhandelt, in das wilde KZ in der General-Pape-Straße gebracht und dort tagelang festgehalten. Die Zurückgebliebenen sind hilflos, fassungslos. Jeder kennt die Verhafteten, aber auch einige SA-Männer waren aus der Siedlung. Die Harmonie, die schon in den letzten Jahren der Weimarer Republik nur noch mühsam hatte aufrecht erhalten werden können, ist tief verletzt.
Georg Wittkowsky, der Vater von Marie Sallmann, ist zwischen 1933 und 1935 bei verschiedenen Razzien in der Siedlung und in der Wohnung sechsmal verhaftet worden. Bei diesen Razzien wurden die Siedlungsfahnen, Ausgaben des Simplicissimus und ein Setzkasten gefunden. Der Vater wird der illegalen Arbeit beschuldigt und kommt nach der letzten Verhaftung erst sechs Wochen später frei. Er ist krank und erhält von den neuen Machthabern, die seit der Gleichschaltung im Lindenhof im September 1935 das Sagen haben, keine Aufträge mehr. 1938 muß das Geschäft geschlossen werden, 1942 stirbt Georg Wittkowsky in einem psychiatrischen Krankenhaus in Eberswalde an den Spätfolgen seiner Verletzungen. Diese Erfahrungen sind in der Nachbarschaft die gleichen:
"Lieschen und Willi, aus Nr. 6, schräg gegenüber, wo ich vorhin sagte, der Willi, der Kommunist, den wollten sie auch 'rausholen. Der ist aber nicht gekommen, die haben nicht aufgemacht. Und da haben sie durch die Tür geschossen und ihn in die Beine getroffen, der konnte nachher nie wieder laufen."
Beim Schlachter, dessen Sohn in die NSDAP eingetreten ist und mit dem Frau Sallmann disputiert, wird ihr nahegelegt, über Mittag einkaufen zu kommen, dann sei der Vater im Laden und es gäbe keinen Streit. Man könne ja nie wissen.
"Wenn sie in den Laden 'reinkamen, dann haben sie schon aufgepaßt, verschiedene Kunden, die da einkaufen waren. Sie haben den Arm nicht hochgehoben, nicht 'Heil' Hitler gemacht, da waren sie schon Kommunist." Luise Ohrner (Jg. 1922), Enkelin eines SPD-Vorstandsmitgliedes, das der Verhaftung durch Flucht entgehen konnte, erzählt aus der 'Zeit danach':
"Ich war neun Jahre alt, da haben meine Eltern mir gesagt, Du hast nichts zu sagen. Und dann war ja hier der Konsum. Da bin ich gerne hin. Das war für mich ein tolles Erlebnis. Dort hab' ich dann gehört, ja der und der, die waren alle verhaftet. Bosak und Schauer und wie die alle hießen, vom Vorstand. Und da hab' ich ganz groß angegeben hier im Konsum: 'Ja, meinen Opa kriegen sie nicht, mein Opa -...' Und da stand, ich weiß nicht mehr, wer's war, hinter mir eine Frau, die hielt mir den Mund zu. Und da fiel mir ein: 'Um Gottes Willen, Du darfst ja gar nichts sagen.' Und das hab' ich mir gemerkt." Mißtrauen kommt auf. Das Wissen um die Einstellung der Nachbarn hat nicht verhindern können, daß auf einmal unklar ist, wer wo steht. Einige der Siedlungsgenossen haben andere angegriffen oder verraten. Wer ist nur zur Tarnung NSDAP-Mitglied geworden und wer aus Überzeugung? Wer aus Berechnung und wer, um den Mißhandlungen zu entgehen? Die Folgen für die Siedlungsgemeinschaft sind zunächst noch nicht abzusehen. Viele werden vorsichtig und mißtrauisch, auch innerhalb der eigenen Kreise. Wie zuverlässig mochten diese Leute in Zukunft sein? Enge Nachbarschaft, vertrauter Umgang miteinander können nun gefährlich werden.
Heute bezichtigen sich die einzelnen Gruppen gegenseitig des Verrats. Sozialdemokratisch orientierte Interviewpartner stempeln beinahe alle Personen, die in die NSDAP eingetreten sind, nachträglich zu ehemaligen Kommunisten, was in einzelnen Fällen nachweislich nicht zutrifft.
Frau Sallmann berichtet über diese Zeit:
"Ja, wenn die Brüder zusammenkamen, da ist bloß politisiert worden. Die Politik war aufm Tisch. War'n ja alle SPD bei uns, alle! Nachher, wie Hitler rankam, da traute man sich das gar nicht mehr, da konnten Sie sehen, bis in die Familien rein, daß die Kinder die Eltern angezeigt haben, daß sie Kommunisten sind, das können Sie sich gar nicht vorstellen! Daß die Kinder die Eltern angezeigt haben, gedroht haben erst immer: 'Wenn Du hier Rabbatz machst, dann werden wir Dich mal abholen lassen'!" Einer unserer Interviewpartner aus der gleichen Straße wie Frau Sallmann erzählt von einer solchen Auseinandersetzung zwischen ihm und seinem Vater. Herr Heit (Jahrgang 1920), spielte begeistert Eishockey und war auserkoren, in einer HJ-Auswahlmannschaft mitzuspielen. Dazu mußte er aber Mitglied werden, was seine Eltern ablehnten. Er drohte, sie anzuzeigen.
Herr Heit hatte seinen Eltern gegenüber ein wirksames Druckmittel. Sein Vater war vor 1933 in der kommunistischen Partei aktiv gewesen. Als die Genossenschaft 1932 eine Notstandsküche zur Unterstützung arbeitsloser Siedlungsgenossen eröffnete, war er einer der drei von den Arbeitslosen gewählten Vertreter gegenüber der Genossenschaft. Der Vater war am Gründonnerstag 1933 ebenfalls verhaftet worden und hatte die mit ihm gemeinsam verhafteten Genossen im KZ Papestraße auspeitschen müssen. Danach ist er gezwungen worden, in die NSDAP einzutreten. "Nachher, wie er wieder zurückkam, dann hat man ihn doch gemieden. Dann kannte ja einer den anderen, und dort waren wir überwiegend Kommunisten und SPD. Und jetzt hat mein Vater sie im Prinzip doch verraten, da er ja umgestiegen ist, in die NSDAP rin. Man hat ihn, ohne daß man's merkte, gemieden. D. h., man merkte es, ich kann bloß nicht sagen, wie. Er war nicht mehr so [...] wie soll ich sagen, so angesehen. Wenn det [...] einmal kann ich mich erinnern, da wollte sich mein Vater von einem 'ne Weinkanne ausleihen. Im Sommer, wenn Beerenweine angesetzt wurden. Und die: 'Ja, ja, ich hab' keine Zeit', hat man ihn abgeschnitten, liegengelassen." Der Vater, der nach innen seiner Überzeugung treu bleiben wollte, war von zwei Seiten unter Druck gesetzt und erpreßbar. Als Nachbar war er nicht mehr berechenbar. Der angesehene Kommunist prügelt seine Genossen, sein Sohn tritt in die HJ ein, er selbst in die NSDAP. Selbst das Wissen um den Zwang, unter dem das geschah, ändert das Verhalten der Siedlungsbewohner ihm gegenüber nicht. Die anderen Genossen waren ja auch wirklich verprügelt worden. Die zweite Grenze in der Gemeinschaft war gegenüber den Nazis gezogen worden. Sie hat sich in Teilen, wie wir weiter unten sehen werden, bis heute gehalten.

Nach dieser Zeit der Auseinandersetzung geht das Leben weiter. Der Siedlungskonsens wird neu formuliert. Frau Sallmann erzählt: "Vielleicht gerade durch diese Abgeschlossenheit in der Siedlung. Man wußte, der war Nazi, der hat die Fahne rausgehangen. Möglicherweise ist das so zu erklären, daß die sich eigentlich gar nicht mehr so dicht haben kommen lassen. Die wollten sich gar nicht mehr in die Karten gucken lassen, warum, weshalb, wieso." Die Grenze zu den Kommunisten wird entschiedener gezogen. Der Bedrohung von außen hält der alte Minimalkonsens nicht stand. Die neuen Machthaber lassen den verschiedenen Gruppen keine Möglichkeit, sich in der Siedlungsöffentlichkeit zu zeigen. Das Gespräch in den Geschäften wird vermieden, die Vereine sind verboten.
Die 'Kreise' werden noch kleiner oder fallen ganz auseinander.
Christine Inn erzählt von einer anderen Ausgrenzung:
"Das war im Lindenhof dann eigentlich so, nachher, wir haben uns mit allen gut vertragen. Außer die Radikalen, genauso wie vorher die radikalen Kommunisten, dann die radikalen Nazis. Das sind immer nur ganz wenige gewesen, das muß ich sagen."
Unter diesem Vorbehalt kann die Nachbarschaft innerhalb der einzelnen Gruppen eingeschränkt weiterbestehen. SPD-Genossen treffen sich heimlich, in ausgewähltem Kreis außerhalb der Siedlung.
Erzählungen über nachbarschaftliche Kontakte oder Hilfeleistungen sind für diese Zeit spärlich.
Frieda Geschner (Jg. 1922) erzählt als einzige für diese Zeit von Kontakten und einer Fortsetzung des nachbarschaftlichen Zusammenlebens wie früher. Sie gehört einem nationalsozialistischen Funktionärshaushalt an. Die Fraktionen, die bisher auf der Ebene der unmittelbaren Nachbarschaft bestanden, werden völlig undurchlässig. Die harmonisierende Initiative der Genossenschaftsleitung fehlt, die neuen Machthaber 'knüppeln alles zusammen, was nicht ihrer Meinung ist.' Die ausgleichende Funktion der halboffiziellen Ebene des Siedlungslebens fällt weg.
Man grüßt, wahrt Distanz und differenziert in der Wahrnehmung: 'Der hat ja keinem was getan', und solange sich niemand 'allzu weit vorwagt', kommt man aneinander vorbei. "Aber ich meine, wir hatten gute Nachbarn, weiterhin. Die weiß ich auch noch zum Teil. Und die haben uns auch nicht geschnitten. Gut, daß natürlich keiner zum Kaffee zu Besuch gekommen ist, das war reiner Selbsterhaltungstrieb." Das Leben 'regelt sich wieder ein' und viele 'heulen mit den Wölfen'.
Innerhalb dieses Konsenses sind spielerische Auseinandersetzungen möglich. Herr Anwein erzählt:

"Und das war ja dann auch ein Übel: das Grüßen. Beispielsweise bei Frau S., die war in der Frauenschaft, und wenn ich kam und hatte 'nen Hut auf, dann hab' ich Guten Tag gesagt. Dann hat die [imitiert keifend] 'Heil Hitler' gemacht. Ich hab' mich umgedreht und hab' noch mal Guten Tag gesagt. Und dann hat sie mich mal dran erinnert: 'Na, Sie sind doch in der SS, und da sagt man doch 'Heil Hitler'.' Da war ich aber schon wieder ausgetreten, das wußte die bloß nicht. Und ich sage: 'Frau S., wenn ich eine Dame treffe, dann ziehe ich den Hut. Ich kenn das nicht anders. Die Flapse, die mit dem Hut auf dem Kopf 'Heil Hitler' sagen, um eine Frau zu begrüßen, da kann ich mich leider nicht dran beteiligen.' 'Hab' ich ihr dann ein bißchen Honig um den Mund geschmiert, und das hat sie dann auch akzeptiert. Sie hat allerdings auch 'ne heiratsfähige Tochter gehabt, und ich war ja im Lindenhof ein begehrtes Stück: Gute Arbeit gehabt, sah ja auch nicht schlecht aus, war'n anständiger junger Mann." Herr Anwein spielt hier virtuos mit den neuen und alten Regeln der Gemeinschaft. Er ist noch von früher her bekannt, hat scheinbar die richtige neue Gruppenzugehörigkeit und kann so auf ein gewisses Wohlwollen von vornherein rechnen. Das erlaubt es ihm, ungestraft das zu sagen: 'die Flapse, die Heil Hitler sagen', was andere in Schwierigkeiten gebracht hätte. Nachbarschaft ist jetzt als Mittel zur Bewältigung materieller Not auch innerhalb der einzelnen Gruppen nicht mehr nötig. Es geht aufwärts, nicht nur für Herrn Anwein. Herr Sallmann hat 1938 - wie viele andere auch - endlich feste Arbeit. Er ist Maurer bei der Organisation Todt. Sallmanns erhalten endlich eine eigene, bezahlbare Wohnung und ziehen aus dem Lindenhof aus.

"Wir haben geheiratet '27 im Oktober, und '38 im April, mein Mäuschen, da haben wir die erste richtige Wohnung gehabt. Da könn 'se mal sehen, was das für Zeiten waren. Und wissen Se, ich muß Ihnen ganz offen und ehrlich sagen, von da an, wie wir im April '38 dahingezogen sind, da ging die Sonne auf."
Zum ersten Mal in ihrer elfjährigen Ehe können Sallmanns ohne Unterstützung der Eltern und deren Nachbarn leben. Sie haben genug zu essen, sie können erste eigene Möbel kaufen, für die Zukunft planen, da sie auf Dauer abgesichert scheinen. Das nationalsozialistische Wirtschaftswunder bietet eine vielversprechende Lösungsmöglichkeit für ihre alten Probleme. Frau Sallmann ist trotzdem bewußt, daß ihr persönliches Glück mit dem Nationalsozialismus zusammenfällt und mit dem Unglück vieler anderer, u. a. ihres Vaters. "Das hat der Hitler gut eingefädelt, gut gemacht, das war das einzige, was er gemacht hat, daß die Frauen zuhause mit ihren Kindern nicht hungern brauchten. Mein Mann, der war Polier, der ist Maurer von Beruf, und ich kriegte ganz schönes Geld dafür, muß ich sagen. Trotzdem ich den Hitler, den Schweinehund, eigenhändig hätt' umbringen können. Aber dafür hat er gesorgt, daß jeder sein's bekam, auf die Marken, die wir hatten. Wir kriegten's eben, und ich hatte auch das Geld, um's zu bezahlen." Dieser Zwiespalt bleibt bestehen und schlägt sich auch im Verhältnis zur Mutter nieder, die, nachdem der Vater 1938 im Krankenhaus ist, alleine in der Siedlung wohnt.

"Wie's innen drin aussieht, geht niemanden 'was an"

Eine weitere Grenze wurde im Nationalsozialismus in der Nachbarschaft gezogen. Die durch Gesetz verordnete Ausgrenzung der Juden führte in der Satzung der Genossenschaft 1935 zu einem Paragraphen, der die Neuaufnahme von Juden verbietet. Die alteingesessenen jüdischen Bewohner scheinen anfangs in der neu formierten Gemeinschaft unbehelligt weitergelebt zu haben. Zwar waren sie mehr geduldet als integriert, aber es gab keine direkten Angriffe. Zwei Fälle werden in beinahe allen Interviews genannt. Dr. Löwenthal, der Siedlungsarzt und Honoratior der ersten Stunde, der beinahe alle Kinder behandelte und nicht immer Rechnungen schickte, der, in besonders schweren Fällen durch eine weiße Fahne am Fenster alarmiert, auch noch nach seinem Dienst in der Charité Hausbesuche gemacht hat. Die anderen Geschichten handeln von Familie Rahmer aus der Arnulfstraße, die direkt neben dem nationalsozialistischen stellvertretenden Ortsgruppenleiter Lehmann, dem 'Goldfasan', wohnte.

Frau Sallmann kennt Dr. Löwenthal aus der Sprechstunde und schildert seine Ausreise 1938, nachdem in der 'Kristallnacht' auch bei ihm die Fenster eingeworfen worden waren und seine Patienten denunziert wurden: "Soviel Elend! Sehen Sie mal den Doktor, z. B. Dr. Löwenthal, der ist doch so spät 'rausgegangen, der hat's doch ausgehalten, der ist geblieben, weil wir im Lindenhof keinen anderen Arzt hatten. Der ist geblieben bis '38. Und dann, als er ging, ist er zu Tante Nanni, die hatte 'n Gemüsegeschäft unten am See, und da hat er sich verabschiedet. Bei meiner Mutter auch. Und hat sich erkundigt, nach meinem Vater, wie's ihm geht. Und er hat noch Geld von uns gekriegt. 'Aber Frau Wittkowsky, ich kriege doch von Orje kein Geld mehr, das müssen Sie vergessen. Er hat doch auch alles für mich gemacht, warum soll ich ihn dann nicht auch umsonst behandelt haben?'"
Frau Sallmann selbst war mit ihrem schwerkranken Sohn oft in der Sprechstunde, wo der Arzt sie, wenn sie weinte, getröstet hat. "Also, Sie haben 'n Bild jetzt, vom Doktor?" Herr Anwein, der 1933 in einer Mischung aus Angst, Berechnung und Begeisterung in die SS eingetreten war, führt seinen Austritt u. a. auf eine Begegnung mit Dr. Löwenthal zurück. Er kennt ihn von kindauf und erschreckt den Arzt sehr, als er ihm einmal bei einem Krankenbesuch in Uniform die Tür öffnet. 'Helmut, ich kann doch nichts dafür, daß ich Jude bin.' Also, das war die große Keule. Das hat mich völlig umgehauen. Also, da hab' ich erst begriffen, was überhaupt los war. Aber er ist ja dann noch 'rausgekommen, nach Amerika." In beinahe allen Erzählungen vom Doktor werden sehr persönliche Erlebnisse geschildert in großer emotionaler Betroffenheit, die Schuldgefühle und Hilflosigkeit offenbart. Gerade dem guten Doktor hätte man helfen müssen. Er war zu bekannt, daß er versteckt in der Siedlung hätte weiterleben können. In anderen Fällen war das z. B. durch nachbarschaftliche Hilfe bei der Beschaffung von Lebensmitteln möglich. Als Jude war er durch Gesetz außerhalb der Gemeinschaft gestellt. Der neu formulierte Siedlungskonsens, sich nur nicht zu weit über den Rand der eigenen Gruppe hinauszuwagen, macht ein Überwinden dieser Grenze unmöglich. Zudem hätte man sich selbst in Gefahr gebracht.

Im Gegensatz zu Dr. Löwenthal, der ausreist, und jüdischen Bewohnern, die, in der Halböffentlichkeit der Siedlung versteckt, überleben, verläuft das Schicksal der Familie Rahmer. Von dieser vierköpfigen Familie, "die hatten Kinder, Erika und Hans", wird ebenfalls in vielen Interviews erzählt. Sie werden von ihrem Nachbarn, dem 'Goldfasan', denunziert und sollen deportiert werden. Ein anderer Nachbar, der bei der Behörde arbeitet, erfährt davon und warnt die Eltern, so daß die Kinder über Freunde nach England geschickt werden können. Die Eltern werden aus dem Lindenhof ausgewiesen, wohnen im Bayerischen Viertel in Schöneberg, 'in diesen großen Wohnungen, wo nachher eben nur noch Juden wohnten', und wurden von dort über das Sammellager in der Großen Hamburgischen Straße wahrscheinlich nach Theresienstadt deportiert. Nach dem Krieg kommt der Sohn - inzwischen englischer Offizier - in die Siedlung und fragt im noch bestehenden Lebensmittelgeschäft von Göpfert: 'Ich möchte gerne wissen, wo meine Eltern sind, mein Name ist Hans Rahmer.' "Und da hat Tante Anna, das Lokalblättchen vom Lindenhof, diese Frau, die rumgequatscht hat, wer weiß wie, hat diesem Ehepaar Rahmer, und das hat die nie erzählt, nachts die Lebensmittel, die sie hier geschnorrt hat in den Geschäften, hingebracht. Und da kam sie gerade dazu, wie sie auf einen Lastwagen verfrachtet wurden, und da hat Frau Rahmer schnell noch den Karton mit dem Brautstrauß und dem Schleier rausgeworfen. Und da konnte sie ihm das überreichen."
In der Regel kommt es nicht zu einer Auseinandersetzung um versäumte Hilfe gegenüber jüdischen Siedlungsgenossen. Im Gegenteil, Schuldgefühle bei Überlebenden auf beiden Seiten - nicht geholfen oder selbst überlebt zu haben - scheinen ein Reden miteinander unmöglich zu machen. Man lebt wie selbstverständlich nebeneinander, aber 'wie's innen drin aussieht, geht niemanden was an.' Die gemeinsame Vergangenheit mit den jüdischen Siedlungsbewohnern, die im Lindenhof überleben konnten, ist zu einem Tabuthema geworden.

"Wir haben nur um's Überleben gearbeitet"

Als der Krieg mit den Bombenangriffen 1943 Berlin und den Lindenhof erreicht, ist von der ehemaligen Siedlungsgemeinschaft nichts mehr vorhanden. Nachbarschaftshilfe ist einerseits durch den relativen materiellen Wohlstand überflüssig geworden, ist durch Angst und Mißtrauen auf mehrere kleine, gegeneinander abgegrenzte Gruppen eingeschränkt. Diese Einschränkung macht eine Hilfe in der Not (wie sie gegenüber den jüdischen Bewohnern nötig gewesen wäre) nur in Einzelfällen möglich.
Dazu kommt jetzt die räumliche Auflösung der Zusammenhänge. Die Männer sind eingezogen worden, die Kinder werden ab 1943 klassenweise in die Kinderlandverschickung gebracht, Frauen und kleinere Kinder werden in weniger bedrohte Gebiete evakuiert. Von kollektivem Lebenszusammenhang kann keine Rede mehr sein, die Erfahrungen werden fragmentiert, die Siedlungsgemeinschaft zu einer utopisch anmutenden Erinnerung stilisiert: "Vom Lindenhof, vom Park und vom See, wie wir da zusammen waren, hab' ich oft noch geträumt als junger Soldat, als ich in Rußland war, sein mußte, hab' ich mich daran erinnert, wie schön das war, so hier."
In der Nacht vom 23. zum 24. August 1943 wird mit der achtzigprozentigen Zerstörung der Siedlung durch Brandbomben auch die materielle Grundlage des Zusammenlebens zerstört. Ein weiterer Teil der Bewohner wird evakuiert oder ausquartiert. Lindenhof ist beinahe leer.
Die Zurückgebliebenen erzählen von dieser Zeit als der zweiten 'schweren Zeit', die alle zusammengeschweißt habe, in der wieder Kameradschaft entstanden sei.

"Vorher waren wir auseinander gesprengt, im Bunker haben wir wieder zusammengefunden." "Das Schlimmste für mich war, an dem 23., das war in der Nacht, ich seh' ihn heute noch brennen - unsern schönen Lindenhof. Und am Abend des 24., als wieder die Sirenen gingen und neuer Alarm war, da bin ich fast ausgeflippt, wie man heute so lax sagt. Innerlich habe ich in dem Moment ja geglaubt, der Krieg müßte nun zu Ende sein. Aber er war noch längst nicht zu Ende. Und wir hatten doch schon alle keine Wohnung mehr, wir standen ja alle schon so da." Das gemeinsame Erlebnis der Katastrophe verbindet. Durch die Zerstörung der Wohnungen und der materiellen Grundlagen gleicht sich die soziale Lage der Bewohner an. Bunker- und Kellergemeinschaften entstehen, für die die Grenzen der Teilgruppen nicht mehr wichtig sind. Eine jüdische Bewohnerin wird mit Lebensmitteln versorgt und hat ihren Platz im Bunker.
Es ist aber nur ein kleiner Teil der ehemaligen Bewohner, der zurückgeblieben ist. Und als viele der Evakuierten zurückkommen, wird es eng. Wohnraum ist knapp, viele ziehen zu Verwandten oder werden bei ehemaligen Nachbarn eingewiesen. Die kleinen, niedrigen Wohnungen sind hoffnungslos überbelegt, viele wohnen auch weiterhin im Bunker, manche haben sich die Ställe in den Gärten, die z. T. stehen geblieben waren, ausgebaut. Dieser zwangsweise enge, intensive Kontakt führt häufig zu Streit, zumal die grundlegenden Lebensbedürfnisse für all die Rückkehrer nicht gedeckt werden konnten. Nachbarschaftliche Hilfe war unmöglich, weil nichts da war, was hätte geteilt werden können. Um das wenige Essen, den knappen Wohnraum gab es regelrechte Kämpfe. Lilo Brett (Jg. 1930) berichtet: "Und wie wir zurückkamen aus der Evakuierung, wußten wir ja nicht, ob unser Haus steht. Und da bin ich vorgelaufen und Nr. 1 war Ruine, Nr. 2 war Ruine, Nr. 3 war auch 'ne Ruine und Nr. 4 war so halb. Und Nr. 5 war das erste Haus, das stand, und das war unseres. Und dann allerdings war mein Onkel drin, mit Frau und zwei Kindern und eine Bekannte von Mutti, die den Krieg über da gewohnt hatte. Und jetzt auf einmal, als wir da ankamen, mit sieben Mann, da stellt die sich so in die Tür: "Das geht nicht. 'Naja, und dann hat Mutti ihr die Hand runtergeschlagen und hat gesagt: 'Was geht nicht? Es geht noch viel mehr!' Sind wir rein und haben uns verteilt, war'n drei Zimmer und Küche. Und nun war's so, jetzt mußten wir erst mal sehen, wo bekommen wir Essen her. Und da hat unsere Nachbarin jedem zwei Kartoffeln gegeben und hat aber gesagt, also, ist ja ganz klar, das ist aber nur 'ne einmalige Sache, denn sie hat ja auch nichts." Marie Sallmann kehrt im Januar 1945 mit den beiden jüngeren Kindern ebenfalls aus der Evakuierung in Sachsen zu ihrer Mutter und ihrem Bruder in den Lindenhof zurück. Ende des Jahres kommen ihr Mann und der älteste Sohn aus Gefangenschaft, und sie leben zu siebt in ihrer alten Zweizimmerwohnung in der Suttnerstraße. "Sie hat gekocht, und ich habe alles 'rangeholt." Marie Sallmann findet sich mit der neuen Versorgungslage schnell zurecht. Die Lindenhofer 'organisieren' oder 'finden' ihre Lebensmittel hauptsächlich auf dem nahen Verschiebebahnhof oder in der benachbarten Fabrikhalle von Maggi auf dem nahen Industriegebiet. Wo es etwas zu holen gibt, spricht sich schnell herum, organisieren muß dann jeder für sich alleine. Sallmanns z. B. haben Glück und 'finden' eine ganze Speckseite, die in einem Lagerschuppen versteckt ist. Sie trauen sich damit aber nicht in den Bunker, wo sie zu Anfang manchmal noch übernachten. In diesem Fall aber nicht aus Angst vor den Russen, die den Lindenhof am 27. April 1945 besetzt haben, sondern damit die anderen Siedlungsbewohner nichts merken. Als Marie Sallmann später einmal einer Nachbarin von den getrockneten weißen Bohnen abgibt, die sie 'gefunden' hat, verdächtigt diese sie, davor Bohnen von ihr gestohlen zu haben. Aber das hat Frau Sallmann gar nicht nötig: Sie hat ihre Quellen, wo sie zwar bezahlen muß, die Preise bewegen sich aber in ihrer Einschätzung, angesichts der Lage, in erträglichem Rahmen.

"Und da hatten wir eine Familie, da hat die Tochter, die E., einen Kriminalbeamten geheiratet. Und von der konnt' ich wunderbar kaufen. Ich konnte Graupen kriegen, ich konnte Reis kriegen oder Brot und einmal wunderschöne Kohlrabi. Hat mich immer gewundert; wo hat die das bloß alles her? Aber ich hab' ihr nichts gesagt, ich war zufrieden, daß die mir das verkauft hat. Die ist aber schon tot. Und ein' Tag komm' ich und sag', 'E., hast du nicht was für mich? Ich weiß nicht, was ich heute kochen soll.' - 'Mariechen', sagt sie, 'ich kann Dir höchstens noch Graupen geben, die hab' ich noch da.' - 'Na gut, gib mir Graupen.' War ja auch teuer, 50 Mark das Pfund. Aber ich war zufrieden, daß ich was zu kochen halte. Und's nächste Mal komm' ich, da hat sie gar nichts mehr. Ich sage, 'Na, wie kommt denn das, daß Du nichts hast?' Hatte aber schon von anderen gehört: "Die haben den Mann festgenommen!' Da war der nämlich in den Zügen, wissen Sie, und hat kontrolliert. Da haben die das den Leuten abgenommen, und die haben das unter sich verteilt, und dadurch konnte die mir das verkaufen. Und da sag' ich, 'E., sag' mal ehrlich, ist Dein Mann festgenommen?' Sagt sie, 'Woher weißt'n das?' - 'Na, der und der hat's mir erzählt'. - 'Ja', sagt sie, 'er ist festgenommen.' Und da ging's mit ihr bergab. [...] Und dann hatten wir noch 'ne Familie, die Eltern wohnten in der Eythstraße vorne, und die Mädels, die wohnten in den Gärten, die an den Wohnungen dran waren, waren doch so viele Wohnungen kaputt. Und da haben sie sich so 'ne Behelfsheime ausgebaut. Und da wohnten die. Und wenn ich nun nicht mehr wußte, was ich machen sollte, bin ich zu denen gegangen, die kriegten nämlich Care-Pakete aus Amerika. Und wenn ich geklopft habe und die hat mir aufgemacht, dann sagte T. zu mir: 'Na, Mariechen, weißt Du Dir wieder keinen Rat?' - 'Nee, Du bist meine letzte Hoffnung.' - 'Na, komm mal rein', sagte sie. Von der kriegte ich Eipulver, getrocknete Kartoffel, alles, was die nicht brauchten. Ich hab' bezahlt, und nicht so teuer, haben sie nicht gemacht. Ich hab' von denen immer was gekriegt, und ich konnte immer 'n Mittag kochen." In dieser angespannten Situation brechen die vorher angestauten Ressentiments durch. Frida Geschner erzählt, sie habe nie etwas von den Schätzen gehört, die auf dem Bahngelände zu haben waren. Einmal ist sie zufällig zu einer Bekannten gekommen, die gerade dabei war, 'große Fässer' mit gezuckerter Milch (Kondensmilch) in Einmachgläser abzufüllen. Sie gibt Frida nichts ab. An anderer Stelle erzählt Frau Geschner, sie habe allein das Dach des Hauses neu decken müssen, das durch die Bomben zerstört worden war und immer wieder undicht wurde. Niemand hat ihr geholfen. Sie ist so aufgebracht, daß sie einen Ziegel auf die Untenstehenden fallen läßt, jedoch ohne jemanden zu treffen.
Frida Geschner, deren Großvater in der NSDAP gewesen ist, wird aus den wieder entstehenden Kommunikationsstrukturen ausgeschlossen. Die Kondensmilch hat, so wird in anderen Interviews erzählt, ein 'alter' kommunistischer Parteigenosse gefunden. Der 'hat sich zwar beim Verteilen selbst übervorteilt', aber es hat nicht unbesehen jeder etwas bekommen.

Leute, die ich nur unangenehm in Erinnerung hatte…

Gustav und Marie Sallmann mit Tochter
Frau Sallmann mit der jüngsten Tochter und ihrem Mann nach dem Krieg.

„Der Krieg war zu Ende, und dann traten irgendwelche Leute in den Vordergrund, die ich nur unangenehm in Erinnerung hatte. Unangenehm deshalb, weil, ich beim Grüßen 'Heil Hitler' gesagt habe. Es war der offizielle deutsche Gruß. Und wer mit 'Guten Tag' wiedergrüßte, von dem dachte ich, er könnte Systemgegner sein, nicht mehr an den Endsieg glauben und somit ein ganz schrecklicher Mensch sein. Und als der Krieg zu Ende war, hatten einige dieser Leute, die mit 'Guten Tag' gegrüßt hatten, das Sagen in Lindenhof. Kurz nach Kriegsende hieß es einmal, wir sollten uns alle auf dem Schulhof versammeln. Da sagte der eine - ich glaube Schmidt-Schnauze haben sie ihn genannt - er stand auf den Stufen am Hintereingang der Schule: 'Gott sei Dank, den Krieg haben wir nun verloren, und der Spuk ist nun vorbei.' Er sagte auch etwas von Befreiung durch die Russen. Ich habe gedacht, wie kann man denn so etwas sagen, 'gut, daß der Krieg verloren ist?' Ich habe gedacht, nein, mit mir nicht. Wenn ihr euch freut, daß wir den Krieg verloren haben, will ich mit euch nichts zu tun haben. (...) Meine Eltern mußten ihre Wohnung räumen, weil Vater in der Partei war. Ich als Nichtmitglied blieb wohnen. Es kamen Leute in unsere Wohnung, die ausgebombt waren.“ (Herr Maier, Jg. 1920)
Herr Maier, der selbst nicht in der NSDAP war, 'hält die Stellung' und wohnt mit der eingewiesenen Familie zusammen in der alten Wohnung, bis seine Eltern nach ca. einem Jahr zurückkommen können.
Mit 'diese Leute' meint Herr Maier vor allem Karl Schmidt. Schon in den zwanziger Jahren aktiver Genossenschaftler, wird er nach Interviewaussagen 1945 von der russischen Besatzungsmacht als eine Art Bürgermeister vom Lindenhof' für die Verwaltung eingesetzt (Vgl. Ludwig in diesem Band). Schmidt hat sein Büro in der Schule und wird in den Interviews mit der Entnazifizierung in Verbindung gebracht. Nach dem Krieg scheint die konsequente Entnazifizierung der erste Versuch gewesen zu sein, einen Siedlungskonsens neu herzustellen, nicht nur 'äußerlich aufzuräumen'. Schmidt scheint einer der hauptsächlich Beteiligten in diesem Prozeß gewesen zu sein. Er soll altgediente SPD-Parteimitglieder aufgefordert haben, ihn mit Angaben zu Personen aus nationalsozialistischen Zusammenhängen zu unterstützen. Dieses Vorgehen ist nicht unumstritten. Aus Frau Sallmanns Sicht stellt sich das so dar:

„Sie wissen doch, wo die Kirche ist? Und da 'n Stückchen weiter war das Restaurant Fintel, Otto Fintel. Und wenn nun mein Vater da hin kam, da war denn auch ein SS-Mann und denn der K., der bei uns gerade rüber wohnte. Immer haben sie ihn bekniet, er soll doch in die Partei eintreten, und weil er da nicht eingetreten ist, haben sie ihm auch so viel Arbeit weggenommen. Mein Vater hat gesagt: 'Otto, ich bin doch nun mal SPD, ich kann meine Gesinnung nicht umstellen, als wenn ich morgen 'n sauberes Hemd anziehe, nun laßt mich doch endlich in Ruhe.' Und was haben die nun machen müssen, wie der Krieg zu Ende war? Otto Fintel hat sich erschossen, und der K., der hatte das Glück, der war noch da, und dann wurden alle Männer zusammengeholt und mußten abmarschieren. Wir waren aufgeregt, wer weiß wie sehr. Mein Mann war ja noch nicht da, können Sie sich ja vorstellen, was wir aufgeregt waren, und die Frauen, man kannte sich doch jahrelang, man hatte ja doch 'n bißchen Mitgefühl mit der Frau oder mit den Kindern.“

Frau Althoff, eine SPD-Funktionärin aus den zwanziger Jahren, faßt zusammen: "Ich hatte mir '33, nachdem der Überfall war, ja auch gedacht: also, wenn das mal anders wird, werd' ich mich rächen. Nachher, '45, war jeder zufrieden, da hatte jeder ja auch an und für sich seinen Denkzettel mitbekommen, denn die, bei denen ich mich rächen wollte, die sind persönlich arg gebeutelt worden, durch Verlust der Angehörigen und so weiter. Das muß ich zu meiner Schande gestehen, also Haßgefühle habe ich da nicht gehabt. Weil ich ja '45 wirklich glaubte, es kommt ein neuer Anfang." Die Konsequenz, mit der der Siedlungsgenosse Karl Schmidt die alliierte Verordnung, nach der Parteigenossen ihre Wohnungen zu räumen hatten, in die Tat umsetzt und zur Entnazifizierung der Siedlung nutzt, die Hartnäckigkeit, mit der auch alte SPD-Genossen nach den letzten zwölf Jahren ihres Lebens gefragt werden, und die Konsequenzen, die daraus gezogen werden, empfinden viele als Zumutung. Frau Sallmann erzählt, wie es ihr erging: "Und dann Ende '45 kamen meine Männer wieder, und wir haben bei meiner Mutter gewohnt, in den zwei Zimmern, die Jungs in der Dachkammer. Das war wirklich eng und nicht so gut für unsere Ehe. Und nun haben wir gesucht und gesucht und gesucht. Und dann bin ich mal nach vorne gegangen zur Siedlung. Und denken Sie mal, mein Mann ist wiedergekommen aus Gefangenschaft, der hat acht Tage ausgeruht und ist dann gegangen und hat Lindenhof mit aufgebaut. Und wir haben keine Wohnung gekriegt. Und dann bin ich mal zu Vater Lehmann gegangen und zu dem Schmidt, und da hab ich gesagt, 'Sag mal, ihr wißt nun ganz genau, wer wir sind, was wir waren und wie wir geblieben sind, und ich kriege keine Wohnung hier im Lindenhof.' - 'Ja, Mariechen, das wissen wir, Du bist genauso SPD wie wir. Aber, Mariechen, Du kannst Dir doch 'ne Wohnung aussuchen.'" Dieses Versprechen wird nicht in die Tat umgesetzt. Die angebotenen Wohnungen sind die der ausgewiesenen Nationalsozialisten. Frau Sallmann will sich "nicht genauso aufführen wie die" und befürchtet zudem, sie könnten zurückkommen. Sie lehnt diese Wohnungen ab. Andere wiederaufbaufähige Wohnungen, die in kleiner Zahl vorhanden sind, werden ihr nicht angeboten. Das Argument: 'Ich bin und ich war SPD" hat zu diesem Zeitpunkt seine selbstverständliche Überzeugungskraft verloren. Nach drei Jahren in der Wohnung der Mutter in der Suttnerstraße ziehen Sallmanns 1948 nach Tempelhof.
Die Hartnäckigkeit bei der Entnazifizierung stört den Aufbau der neuen-alten Harmonie, des neuen-alten Siedlungskonsenses, in dem sich möglichst alle wiederfinden sollen. Frau Sallmann weiß so gut wie andere unserer Interviewpartner, daß eine NSDAP-Mitgliedschaft viele Gründe (von Berechnung bis Begeisterung) haben konnte.
Ein Ausweisen aus der Siedlung allein deswegen und mit der Absicht, selbst eine Wohnung zu erhalten, erscheint willkürlich. Verbunden mit der, wenn auch nach außen oft uneingestandenen Einsicht, im Nationalsozialismus selbst Fehler gemacht zu haben (z. B. gegenüber den Juden in der Siedlung) oder auch selbst beteiligt oder auf Kosten anderer glücklich gewesen zu sein (z. B. durch Teilhabe am NS-Wirtschaftswunder), wird die vermeintliche Gerechtigkeit als Zumutung empfunden. Die Konsequenz des Genossen Schmidt, der seinen Einsichten Taten folgen läßt, wird als Bedrohung der Gemeinschaft und der eigenen Person erfahren. Die Verstrickungen aller sind zu weitreichend, als daß eine gerechte, praktikable Lösung gefunden werden könnte. Das heißt aber nicht, daß die entstandenen Ressentiments (wer war Nazi, wer nicht) bedeutungslos gewesen wären. Es wurden nach außen wenig sichtbare Konsequenzen gezogen. Die Ausweisung aus den Wohnungen werden, außer in besonders bekannten und gravierenden Fällen, wieder rückgängig gemacht. Nach innen werden jedoch deutliche Grenzen gezogen, die noch heute bestehen. Man redet nicht mehr miteinander, geht einander aus dem Weg, grüßt kaum noch. Lebensläufe ehemaliger Nationalsozialisten werden in den Erzählungen heute abgebrochen. Viele scheinen nichts zu wissen oder wollen - auch uns Außenstehenden gegenüber - nichts erzählen. In vielen Interviews werden die Ereignisse beschrieben, die beteiligten Personen nur angedeutet. "Ich will den Leuten heute keinen Strick mehr draus drehen."

Der Rückzug aus der Siedlungsöffentlichkeit findet von beiden Seiten statt: "Manche, die wirklich intensiv dabei waren, die trauen sich ja heute noch nicht wieder her. Z. B. zum Schultreffen jedes Jahr, hier von der Lindenhofschule, da kommen ja viele, und die sind noch nie hingekommen, weil sie wissen, sie haben sich national, also bei Hitler, so benommen, sozusagen mit Steinen geworfen. Sie würden sich nicht hintrauen, die sind älter natürlich, jetzt, und die kommen nicht, die haben Angst, weil sie wissen, daß wir uns erinnern. Das sind verschiedene, z. B. der W. Das kann ich mir schon vorstellen, obgleich wir ihm ja nichts tun würden, aber er hat doch ein Schamgefühl."

Neben dieser Grenze zu ehemaligen Nationalsozialisten wird nach dem Krieg eine weitere, bis heute spürbare Abgrenzung festgeschrieben, und zwar gegenüber den Kommunisten. 'Dieselben Leute', die den Siedlungskonsens mit der konsequenten Art der Wohnungsvergabe gefährdet hatten, machen einen Vorschlag, der im April 1946 weit über die Grenzen der Siedlung hinweg diskutiert wurde. Frau Sallmann erzählt: "Und stellen Sie sich mal vor, wie der Krieg zu Ende war, da kommt plötzlich von der SPD der erste von unserer Partei. Sonntagvormittag kommt der zu uns. 'Ach', sag ich, 'Vater Schmidt, kommst Du uns besuchen?' - 'Ja', sagt er, 'Mariechen, ich will Dir was vortragen.' - 'Was willst Du denn', sag ich. Ja, paß mal auf, weißt Du, wir wollen 'ne neue Partei gründen.' Die SPD, die wollten mit den Kommunisten zusammengehen, und es sollte eine Einheitspartei werden, eine SED. 'Wie ist 'n das, trittst Du da ein?' Ich gucke meinen Mann an, ich gucke meine Mutter an: 'Du kannst uns gleich streichen, ich bezahle keine Beiträge mehr. Wenn Du, als alter Sozialdemokrat, wie mein Vater, so alt, und Du gehst da rein? Schämst Du Dich nicht?' - 'Hach', sagt er, 'was regst Du Dich denn so auf? Ist doch bloß 'ne Formsache, Mariechen, das soll 'ne Einheitspartei geben.' - 'Ja', sag' ich, 'aber nicht mit mir'." Nicht alle Siedlungsgenossen sind so entschieden wie Frau Sallmann. Zu Beginn der Auseinandersetzung scheinen die Mehrheitsverhältnisse ausgeglichen zu sein (vgl. Ludwig). Je weiter die Diskussion fortschreitet, um so mehr setzt sich die Meinung durch: die Kommunisten sind die anderen Radikalen (neben den Nazis), die schon in der Wohnungsfrage die mühsam wiederhergestellte Harmonie gefährdet hatten. Karl Schmidt wird in den Erzählungen oft rückwirkend bereits für diesen Zeitraum zum Kommunisten gemacht. Von da bis zur Feststellung, die 'Roten' sind wie die 'Braunen', ist es in den Interviews nicht weit. Das Ende der Weimarer Republik wird wieder ins Gedächtnis gerufen. Die Erfahrungen mit der Roten Armee am Kriegsende sind noch gegenwärtig (vgl. Kienzl in diesem Band) und in Berlin damals eine reale Bedrohung. Kommunisten werden jetzt endgültig zu Unruhestiftern gestempelt. Der Zusammenschluß von KPD und SPD zur SED stellt die noch aus der Weimarer Republik gewohnten Mehrheitsverhältnisse im Lindenhof in Frage. Das ist für die SPD-orientierte Siedlungsmehrheit eine Bedrohung. Die Wiederbelebung des auf ihrer sicheren Position beruhenden Siedlungskonsenses aus der Weimarer Republik ist unter diesen Bedingungen undenkbar.

Die Gefahr des Machtverlusts ist um so bedrohlicher, als auch alteingesessene SPD-Funktionäre in die SED eintreten. Die Streitigkeiten reichen bis in die Familien hinein. Luise Ohrner erzählt:

"Wie mein Vater dann am ersten Mai 'rüberging, in den Ostsektor, zur Demonstration, das war schlimm, meine Mutter hat ihm ziemliche Vorwürfe gemacht: Nun geh' mal 'rüber, wo sie die Panzer zeigen. Und er ging aber, ja, er ging, er ließ sich nicht von abbringen. Und so die Vorwürfe, die ich von vielen Seiten bekomme, hier in der Siedlung, in Richtung meines Vaters, er müßte mal drüben leben und so weiter und sofort. Dazu muß ich sagen, mein Vater war ein so überaus bescheidener Mensch und so überzeugt von seiner Idee, daß er das bestimmt, davon bin ich überzeugt, auf sich genommen hätte."

Aus der Patt-Situation in der Auseinandersetzung um die Gründung der SED ist Anti-Kommunismus geworden, der neue Siedlungskonsens, in dem sich viele wiederfinden konnten. Frau Sallmann argumentiert gegenüber 'Vater Schmidt' schon 1945 so: "Ich sage, 'Du, hör mal, ich bin zwölf Jahre SPD geblieben, bei den Nazis, und jetzt soll ich Kommunist werden? Na, weißt Du, das ist ja 'n starkes Stück!' Das wär' ich nie geworden. Kind, hören Sie mal zu: Der Nazi war doch braun, und der Kommunist ist rot. Und im Grunde genommen dasselbe System. Das ist das gleiche. Die haben alles kaputt gemacht."

Die Nazis hatten durch die Verhaftung des Vaters 1933 und die Schließung des Geschäfts den vorübergehenden sozialen Abstieg der Familie verursacht und durch den Krieg die materielle Basis für einen Siedlungskonsens im Sinne Frau Sallmanns zerstört. Jetzt ist ihre eigene Position im Siedlungsgefüge, ihre Zugehörigkeit zur alten Honoratiorenschicht durch den befürchteten Verlust der Mehrheit für die SPD in Gefahr.

D. h., die Gründung der SED bringt ihre Welt ins Wanken, nachdem bereits durch die veränderten Mehrheitsverhältnisse das Argument, 'ich bin SPD geblieben und will deshalb eine Wohnung haben' seine selbstverständliche Überzeugungskraft verloren hatte. Frau Sallmann sieht in der Gründung der SED nur einen Versuch der Kommunisten, in der Siedlungspolitik Fuß zu fassen. Das stellt die Vormachtstellung der SPD infrage. SPD, Vorstand und Genossenschaft sind zumindest vorübergehend nicht mehr so ineins zu setzen, wie Frau Sallmann und andere es gewöhnt waren. 1948, als noch nicht abzusehen ist, wer sich durchsetzt, ziehen Sallmanns aus, da sie das Glück haben, woanders eine schöne Wohnung zu finden.

Des weiteren behaupten diese Leute, sie hätten eine Unterschriftensammlung in einem unserer Bauteile veranstaltet, und über 100 Leute hätten vom Vorstand durch Unterschrift die Abhaltung von Versammlungen verlangt. Der Vorstand und Aufsichtsrat hatten bisher keine Unterschriftenliste mit solcher Forderung erhalten. Im übrigen sind wir der Meinung, daß keine politische Partei ein Recht zu solcher Forderung und Handlung hat. Dieses Recht haben einzig und allein unsere Genossenschaftsmitglieder. Wir sind nicht im Osten, wo jede SED-Straßenzelle mehr zu sagen hat als der Eigentümer, nämlich die Mitglieder der Genossenschaft, wie es uns leider die Beweise in unseren genossenschaftseigenen Häusern im Osten Berlins gezeigt haben.

"Da reden heute noch verschiedene von..."

1951 ist die Hegemonie der SPD im Lindenhof hergestellt (vgl. Ludwig). In der Zeit des Kalten Krieges ist aber im Gegensatz zur Weimarer Republik ein tolerantes Nebeneinander von Sozialdemokraten und Kommunisten nicht möglich. Diese Toleranz hatte auf einer Position der Stärke beruht, die nach dem Krieg in Berlin nicht mehr existiert. Im Lindenhof werden die Kommunisten aus dem öffentlichen Siedlungsleben verdrängt. Die betroffenen Familien werden im wörtlichen Sinne an den Rand der Siedlung gedrängt.

Luise Ohrner berichtet: "Wir lebten dann ja, wie gesagt, in der Bessemerstraße. Wir waren so ein Randbezirk, man hatte uns ein bißchen vergessen."

Das Sommerfest ist kein Siedlungsfest mehr, sondern ein Parteifest der SPD. Die genossenschaftliche, institutionalisierte Nachbarschaftshilfe richtet sich nicht mehr an alle Bewohner.
Die verschiedenen Teilgruppen der Siedlungsöffentlichkeit sind sehr reduziert worden. Die Vereine, die in der Zeit des Nationalsozialismus weitgehend verboten waren, die Lokale und Geschäfte sind im Zuge einer allgemeinen Zentralisierung verschwunden. Durch den architektonisch und städteplanerisch veränderten Wiederaufbau (vgl. David in diesem Band) sind die vielfältigen Gelegenheiten, einander im Bereich der Siedlung umstandslos zu sehen (z. B. in den Gärten) oder zu treffen, nicht mehr vorhanden.
Darüber hinaus haben viele kein Interesse mehr am nachbarschaftlichen Zusammenleben in der Siedlung:

"Das hat mit 'm Wohlstand zu tun, mit 'm Neid. Dann müssen wir uns das anschaffen oder das. Wir haben 's hier im Nebenhaus erlebt, daß der eine mehr hat wie der andere und nun versucht, den zu übertrumpfen. 'Was, ihr habt bloß so 'n Wagen? Na, damit fangen wir gar nicht erst an.' Dann muß es schon 'n Opel sein oder so was. Die redet und redet, immer nur vom Haben", erzählt Frida Geschner.

Die materielle Situation hat sich verbessert. Nachbarschaft als Bewältigung einer Notlage ist überflüssig geworden. Andere Interessen sind wichtiger, ihre Verwirklichung umstandslos möglich: Reisen, Fernsehen, Auto u. ä.
Ein äußerer Anlaß, miteinander auszukommen, besieht nicht mehr. Konkurrenzdenken ist an die Stelle der, wenn auch nicht unbedingten Hilfsbereitschaft in den 'schweren Zeiten' getreten.
Die gemeinsamen Erinnerungen sind durch schmerzhafte Erfahrungen der Siedlungsbewohner miteinander und durch Schuldgefühle belastet. Im Verhältnis zu den jüdischen Siedlungsbewohnern ist das ganz besonders deutlich:

"Wir waren ja nachher noch Nachbarn, und es mußte ja weitergehen. Und sie haben dann den alten Nazis, das waren auch schon alte Leute dann, geholfen, natürlich. Sie hat nie gestöhnt, also sie war kein Mensch, der auf den Lippen den Haß trug. Aber was innerlich war, ging keinen was an."

Die Gegensätze sind zu stark, als daß sie überwunden werden können. In dieser Situation kann der Mythos vom 'Alten Lindenhof' entstehen, wie Peter Siemsen ihn formuliert: "Der alte Geist in Lindenhof, da reden heute noch verschiedene von, das bin nicht ich nur alleine. Ich will sagen, wir waren ja stark durchmischt hier: SPD, und die Domnauerstraße nannte sich ja 'Klein Moskau', daß es aber Reibereien zwischen SPD und KPD nicht gab. Im Gegenteil: Das war wie 'ne Familie. Die Eltern hatten die gleichen Sorgen, also daß es politische Differenzen zwischen den Familien nicht gab."
Diesen 'alten Geist' beschwört Marie Sallmann bei ihren wöchentlichen Besuchen im Waschhaus. Er ist für sie mit einer angesehenen sozialen Stellung verbunden. Er steht für eine materiell abgesicherte 'gute' Zeit, an die sie sich gern mit anderen alten Lindenhofern zusammen erinnert. Die gemeinsame Erinnerung ist ein gegenseitiges Sich-Vergewissern, wie es war, ein Wiederbeleben der Vergangenheit. Widersprüche zur schönen Erinnerung, die z. B. zum Auszug Marie Sallmanns geführt haben, können ausgeblendet werden, weil die Erinnerungen nicht mit heutigen Handlungen verbunden werden müssen. Marie Sallmann weist die Widersprüche mit dem ausdrücklichen Beharren auf die 'Heimat' von sich.
Der alte Lebenszusammenhang geht in der gemeinsamen Erinnerung auf. Diese Erinnerung ist heute der gemeinsame Lebenszusammenhang.

Anmerkung: Diese Schilderung ist entnommen aus dem Buch
„Das war 'ne ganz geschlossene Gesellschaft hier“
Der Lindenhof: Eine Genossenschafts-Siedlung in der Großstadt
,
herausgegeben von der Berliner Geschichtswerkstatt erschienen 1987 im Dirk Nishen Verlag, Berlin Kreuzberg.
Das gesamte Buch ist nur noch antiquarisch zu bekommen.

Ich habe das entnommene Kapitel abgeändert, indem hier nur die meine Familie betreffenden Bilder abgebildet sind. Das Buch beinhaltet weitere Abbildungen. Außerdem habe ich den Namen meiner Großmutter, die in dem Buch "Maria Kellermann" genannt wird, wieder in seine echte Form gebracht. Der Name war nach meinen Informationen lediglich aus tantiemenrechtlichen Gründen geändert worden.

Dieser Aufsatz von Eva Brücker beruht neben dem Interview mit Frau Sallmann (Jg. 08) auf Interviews mit: Werner Glindow (Jg. '15), Helmut Anwein (Jg. '12), Peter Siemsen (Jg. '03), Luise Althoff (Jg. '15) und Frida Geschner (Jg. '22), Christine Inn (Jg. '20), Luise Ohrner (Jg. '22), Emil Heit (Jg. '21), Peter Maier (Jg. '20) und Elvira Wind (Jg. '30) und Lilo Brett (Jg. '35).