Seitdem Eisenbahn, Dampfschiffahrt und Freizügigkeit den Arbeitern weite Strecken des fruchtbarsten Bodens in Amerika, Asien, Afrika, Australien zur freien Verfügung gestellt haben, seitdem auch unter dem Schutze der Handelsgesetze und im Verein mit der größeren Gesittung und Bildung der Personalkredit sich entwickelte und das Kapital dem Arbeiter zugänglich geworden ist, fehlen die wichtigsten Voraussetzungen für das Walten des Gesetzes vom ehernen Lohn.

Der Arbeiter braucht sich dem Grundbesitzer nicht mehr auf Gnade oder Ungnade zu ergeben; er kann die Sklavenketten zerreißen, den vaterländischen Staub von seinen Schuhen abschütteln. Das Landmonopol ist gebrochen. Millionen von Arbeitern haben sich durch die Auswanderung frei gemacht, und mit den Zurückbleibenden muß der Grundbesitzer verhandeln wie mit freien Männern. Denn die Möglichkeit der Auswanderung macht sie alle tatsächlich frei.

Ich mußte das Gesetz des ehernen Lohnes aufgeben; die Tatsachen sprachen zu sehr gegen mich. Moleschott und Liebig hatten berechnet, daß die Stickstoffmengen und Kohlehydrate, die zur Aufzucht und Fortpflanzung eines zwölf Stunden arbeitenden Menschen nötig sind, in 1/2 Liter Fischtran und 4 kg Saubohnen enthalten seien. Diese Stoffe kosten aber zusammen nur 17 Pfennig. Dazu noch 3 Pfennig für Kartoffelschalen, Kleidung, Wohnung und religiöse Bedürfnisse, das macht im ganzen 20 Pfennig. Über diese eherne Grenze könne also der Lohn nicht gehen. Trotzdem ist der Lohn darüber hinausgestiegen; folglich ist es nichts mit dem Gesetze des ehernen Lohnes.

Nun suchte ich mir aus der Verlegenheit zu helfen, indem ich sagte: das nach dem Stande der Kultur des Arbeiters zu seinem Leben und zur Fortpflanzung nötige Mindestmaß (Kultur-Existenzminimum) sei der eherne Lohn. Aber diese Redensart klang doch allzu hohl, und ich kam damit nicht weit. Denn wie kam denn der mit Saubohnen gefütterte Arbeiter überhaupt zu einer Kultur? Wie konnte der Schlingel aus dem Stalle ausbrechen? An Wächtern fehlte es doch nicht. Übrigens, was ist Kultur, was ist das Mindestmaß für den Lebensunterhalt? Fischtran und Saubohnen bilden das Festgericht der Weber im Eulengebirge am Weihnachtsabend. Mit solchen dehnbaren Begriffen kann die Wissenschaft nichts anfangen. Nach den Ansichten vieler (Naturmenschen, Cyniker usw.) ist die Bedürfnislosigkeit ein Zeichen höchster Bildung, und somit müßte der der jeweiligen Lebensführung entsprechende "eherne Lohn" mit steigender Kultur, mit steigender Bedürfnislosigkeit herabgehen. Sind denn die Weber im Eulengebirge weniger gesittet als die Mastbürger, die den Tag mit "Frühschoppen" beginnen und fetten Schweinen mehr ähneln als menschlichen Wesen? Außerdem stimmt es nicht, daß der Lohn einfach mit der Anzahl der Schoppen, mit der Güte des Tabaks steigt.

Der Handelsminister Möller gab im preußischen Landtage folgende DurchschnittsLohnsätze an, die die Bergarbeiter im Ruhrgebiet bezogen:

1900: M. 4,80
1901: M. 4,07
1902: M. 3,82
1903: M. 3,88
1904: M. 3,91

Die Löhne waren also im Zeitraum von 3 Jahren um 25% gefallen! Waren nun die Bedürfnisse der Arbeiter in so kurzer Zeit auch um 25% gefallen? (1) Oder sind vielleicht die Arbeiter der Barbarei der "Abstinenz" verfallen? Die Enthaltsamen kommen ja mit weniger Geld aus, und das wäre ja ein vortrefflicher Grund, um den Mindestlohn noch weiter auf den niedrigeren Kulturzustand der Abstinenz herabzusetzen. Aber dann fragt es sich, warum die Machthaber sich so wenig für die Bestrebungen der Abstinenten begeistern. Könnte man mit Hilfe der Enthaltsamkeit und zugunsten des arbeitslosen Einkommens den Lohn herabsetzen, wie schnell würden da Herstellung und Handel mit berauschenden Getränken verboten werden! Aber die Machthaber wissen es besser Hütet euch vor den Abstinenten! Ohne berauschende Getränke läßt sich kein Volk "regieren". (2)

Kurz, es ist nichts mit dem "Kultur-Existenzminimum", nichts mit dem Gesetze des ehernen Lohnes. Die Lohnbewegungen vollziehen sich ohne Rücksicht auf den Bildungszustand. Dieselbe Lohnerhöhung, die die Arbeiter heute "erkämpft" zu haben glauben, verlieren sie morgen wieder, wenn die geschäftlichen Aussichten (Konjunkturen) ungünstig sind. Bessern sich dagegen die Marktverhältnisse, dann fällt ihnen die Lohnerhöhung ohne Kampf, ja sogar ohne Forderung von selber zu, wie dem Bauer der erhöhte Weizenpreis ohne Kampf zufällt, sobald aus Amerika schlechte Ernteaussichten gemeldet werden.

Lohn! Was ist der Lohn? Lohn, das ist der Preis, den der Käufer (Unternehmer, Kaufmann, Fabrikant) für die ihm vom Erzeuger (Arbeiter) gelieferten Waren zahlt. Dieser Preis richtet sich, wie der Preis aller Waren, nach dem dafür erwarteten Verkaufspreis. Verkaufspreis abzüglich Grundrenten- und Kapitalzins, das ist der sogenannte Lohn. Das Lohngesetz ist darum in dem Grundrenten- und Kapitalzinsgesetz bereits enthalten. Ware abzüglich Rente und Zins = Lohn. Ein besonderes "Lohngesetz" gibt es also nicht. Das Wort "Lohn" ist in der Volkswirtschaft überflüssig, denn Lohn und Preis sind eins. Wenn ich weiß, wie der Preis der Ware zustande kommt, so weiß ich auch, was der Arbeiter für seine Erzeugnisse erhält. (3)

Und zu dieser Erkenntnis hat mir das Freigeld verholfen. Das Freigeld befreite mich zunächst von allen Wertflunkereien, indem ja das Dasein dieses Freigeldes eine lebendige und greifbare Widerlegung sämtlicher Werttheorien und des Wertglaubens überhaupt darstellt. Nach dem Wertglauben kam die Reihe an den für volkswirtschaftliche Untersuchungen gänzlich unbrauchbaren Begriff "Arbeit". Denn was ist Arbeit? Die Arbeit kann man nicht an den Armbewegungen, an der Müdigkeit ermessen, sondern nur am Arbeitserzeugnis. James Watt arbeitet jetzt im Grabe noch mehr als sämtliche Pferde der Welt. Nicht auf die Arbeit, sondern auf deren Ergebnis (das Produkt) kommt es an; dieses wird gekauft und bezahlt. Wie das ja bei der sogenannten Stückarbeit klar zutage tritt. Und im Grunde ist alles Stücklohn-(Akkord)arbeit.

Waren kaufen heißt aber Waren tauschen; die ganze Volkswirtschaft löst sich so in einzelne Tauschgeschäfte auf, und alle meine Begriffe: "Lohn", "Wert", "Arbeit" enthüllen sich als vollkommen zwecklose Umschreibungen der beiden Begriffe "Ware" und "Tausch".


(1) Wir nehmen hier an, daß der Sachlohn (Reallohn) die Schwankungen der Geldlohnes mitgemacht hat. Anderenfalle müßte man ja die sogen. "deutsche Reichswährung" bankrott erklären. (2) Ein neuer Markstein in der Geschichte der Menschheit : Heute, den 15. September 1918 n. Chr. hat Wilson Herstellung, Handel und Einfuhr aller alkoholhaltigen Getränke verboten. Sein Wille geschehe, wie in den Vereinigten Staaten, so auch anderwärts! (3) Im letzten Teil d. B. "Die Zinstheorie" werde ich zeigen, wie es übrigens auch schon allgemeiner anerkannt wird, daß die Besitzer der Produktionamittel (Fabrikanten) einfach Pfandleiher sind.