Die Umsetzung von Freiland könnte auch ohne Freigeld vollzogen werden. Nur anderes herum wäre es sehr problematisch.
Das ist ein sehr präziser und theoretisch fundierter Gedanke. Damit sprichst du den Kern der Freiwirtschaftslehre von Silvio Gesell an. Deine Asymmetrie-These – dass Freiland ohne Freigeld funktioniert, Freigeld ohne Freiland hingegen hochproblematisch ist – deckt sich exakt mit der ökonomischen Logik dieser Theorie.
Hier ist die Begründung, warum deine Priorisierung theoretisch absolut schlüssig ist:
Warum „Freiland ohne Freigeld“ funktioniert
Das Konzept von Freiland besagt, dass der Boden kein Privateigentum sein darf, sondern der Allgemeinheit gehört und gegen eine Nutzungsgebühr (Pacht) an diejenigen vergeben wird, die ihn am besten nutzen.
- Wenn man nur Freiland umsetzt, entzieht man dem Immobilienmarkt sofort die Grundlage für Bodenspekulation.
- Niemand kann mehr reich werden, indem er einfach Grundstücke besitzt und auf Wertsteigerungen wartet, da der Wertzuwachs des Bodens über die Pacht an die Gemeinschaft zurückfließt.
- Die Wirtschaft würde in diesem Bereich mit dem bestehenden, normalen Geldsystem ganz regulär weiterlaufen, aber die Ausbeutung durch Grundrenten wäre gestoppt.
Warum „Freigeld ohne Freiland“ problematisch ist
Freigeld (Geld mit einer Umlaufsicherung bzw. einem eingebauten Wertverlust, damit es nicht gehortet wird) zwingt die Menschen dazu, ihr Geld schnell wieder auszugeben oder zu investieren.
- Wenn man nur Freigeld einführt, aber der Boden weiterhin privates Eigentum bleibt, passiert etwas Fatales: Die Menschen flüchten vor dem schwindenden Wert des Geldes in „Betongold“.
- Da Geld als Wertaufbewahrungsmittel entwertet wird, würde die Nachfrage nach Grund und Boden als alternative, krisenfeste Wertanlage extrem explodieren.
- Die Folge wäre eine massive Spekulationswelle auf dem Immobilienmarkt, die Grundstücke und Mieten für Normalverbraucher völlig unerschwinglich machen würde. Das Freigeld würde das Problem des Immobilienmarktes also nicht lösen, sondern massiv verschlimmern.
Wie stellst du dir die Umsetzung vor?
Da du dich für das Freiland-Modell aussprichst, stellt sich die Frage der praktischen Ausgestaltung im heutigen System. Wenn du über die Umsetzung von Freiland nachdenkst, welches Modell der Bodenreform findest du am realistischsten:
- Den Erbbaurechts-Ansatz (der Staat behält/kauft den Boden und vergibt ihn nur noch in jahrzehntelanger Pacht)?
- Eine radikale Besteuerung des reinen Bodenwerts (wie es die Bodenwertsteuer nach Henry George vorsieht), die privaten Grundbesitz ökonomisch quasi in Freiland verwandelt?
- Oder den Ansatz der vollständigen Verstaatlichung mit Entschädigungen?
Lass uns gerne ins Detail gehen, welcher Weg deiner Meinung nach am ehesten das Problem auf dem Wohnungsmarkt lösen könnte.
Ich wäre für Punkt 3. Interessant wäre aber, welche Argumente man bringen könnte, um Befürchtungen auszuräumen, dass die Immobilien dann verwahrlosen würden wie in der DDR.
Um den Befürchtungen einer Verwahrlosung wie in der DDR zu begegnen, muss man das Freiland-Modell ganz klar von der sozialistischen Planwirtschaft abgrenzen. Die DDR-Wohnungsmisere war nämlich keine Folge des fehlenden Privateigentums am Boden, sondern das Ergebnis von staatlichen Festpreisen, Planwirtschaft und Materialmangel.
Im Freiland-Modell nach Gesell bleibt die Marktwirtschaft für Gebäude und die Nutzung voll erhalten. Hier sind die drei stärksten Argumente, um die Sorge vor Verwahrlosung zu entkräften:
1. Das Gebäude bleibt Privateigentum (Trennung von Boden und Haus)
In der Freiwirtschaft wird nur der Boden verstaatlicht. Das Haus, das darauf steht, sowie alle Investitionen und Sanierungen gehören weiterhin dem privaten Pächter.
- Der Unterschied zur DDR: In der DDR wurden auch die Gebäude verstaatlicht oder die Mieten so extrem niedrig staatlich gedeckelt (auf dem Stand von 1936), dass Vermieter die Reparaturen rein finanziell nicht bezahlen konnten.
- Im Freiland-Modell: Wer sein Gebäude verfallen lässt, verliert sein eigenes Kapital und mindert den Wert seiner Immobilie. Es gibt also einen starken privaten Anreiz zur Instandhaltung.
2. Wettbewerb und Marktpreise bei der Vermietung
Die Freiwirtschaft behält den Marktmechanismus bei. Wer ein Haus baut, vermietet die Wohnungen zu marktüblichen Preisen.
- Der Unterschied zur DDR: Da es in der DDR keinen echten Wohnungsmarkt gab, war es den staatlichen Wohnungsbaugesellschaften (WBG) egal, ob die Mieter unzufrieden waren – es gab ohnehin keine Alternative.
- Im Freiland-Modell: Ein Pächter steht im Wettbewerb mit anderen. Wenn er seine Immobilie verwahrlosen lässt, ziehen die Mieter aus, und er kann die fällige Bodenpacht an den Staat nicht mehr bezahlen. Er muss die Immobilie attraktiv halten, um wirtschaftlich zu bleiben.
3. Zweckbindung der Bodenpacht für die Infrastruktur
Im Freiland-System zahlt jeder Pächter eine Nutzungsgebühr (die Bodenrente) an den Staat. Dieses Geld versickert nicht im allgemeinen Haushalt, sondern fließt an die Gemeinschaft zurück.
- Der Unterschied zur DDR: Die DDR steckte fast ihr gesamtes Geld in den Neubau von Plattenbauten an den Stadträndern (wie Berlin-Marzahn) und ließ die historischen Altstädte mangels Ressourcen verrotten.
- Im Freiland-Modell: Die eingenommene Bodenpacht kann direkt genutzt werden, um das Wohnumfeld, die Infrastruktur und den öffentlichen Raum instand zu halten. Das wertet das gesamte Viertel auf und erhöht wiederum den Druck auf die privaten Pächter, mitzuziehen.
Zusammenfassend: Die DDR scheiterte an der Ausschaltung des Marktes. Freiland hingegen nutzt den Marktmechanismus für die Effizienz, entzieht ihm aber durch die Verstaatlichung des Bodens lediglich die zerstörerische Spekulation.
Um dieses Argumentationsmuster weiter zu schärfen, worauf möchtest du den Fokus legen?
- Auf die Frage, wie man die Rolle der Banken und Kredite bei einer solchen Verstaatlichung regelt (da Immobilien heute meist hoch verschuldet sind)?
- Oder auf die Ausgestaltung der Entschädigungen für heutige Eigentümer, um den Übergang politisch mehrheitsfähig zu machen?
Wenn nur der Boden verstaatlicht wird, die Häuser aber nicht, was bedeutet das dann für die Mieten in Mietshäusern?
Wenn nur der Boden verstaatlicht wird, hat das fundamentale Auswirkungen auf die Mieten. Die Miete würde sich im Freiland-Modell in zwei völlig neu kalkulierte Komponenten aufteilen: die Bodenrente (Pacht) und den Gebäudemietwert.
Für Mieter in klassischen Mietshäusern bedeutet diese Umstellung langfristig sinkende und stabilere Mieten sowie ein Ende der spekulativen Mietpreisspirale.
Das System verändert die Mieten über drei zentrale Mechanismen:
1. Wegfall der Spekulationskomponente (Mieten werden stabiler)
In unserem heutigen System steigt die Miete in Ballungsräumen vor allem deshalb, weil der Bodenwert explodiert. Ein Vermieter legt die Kosten für das teure Grundstück auf die Mieter um.
- Im Freiland-Modell: Da der Boden der Allgemeinheit gehört, kann kein privater Eigentümer mehr darauf spekulieren. Der spekulative Anteil an der Miete fällt komplett weg.
- Die Miete orientiert sich nur noch an den realen Kosten für den Bau und Erhalt des Hauses sowie der staatlich festgelegten Bodenpacht.
2. Sinken des Zinseffekts („Gebäudemiete“ wird günstiger)
Wenn der Boden verstaatlicht ist, müssen private Bauherren oder Wohnungsgesellschaften beim Bau eines Mietshauses kein Geld mehr für den extrem teuren Grundstückskauf aufnehmen.
- Sie finanzieren nur noch das Gebäude.
- Da die Investitionskosten für den Vermieter dadurch drastisch sinken, muss er auch viel weniger teure Bankkredite bedienen. Diese Ersparnis führt nach der freiwirtschaftlichen Logik zu deutlich niedrigeren Mieten für die Endverbraucher.
3. Die Bodenpacht wird transparent umgelegt
Der Vermieter zahlt für das Grundstück eine Pacht an den Staat (die Bodenrente). Diese Pacht richtet sich nach der Attraktivität der Lage (eine Wohnung in der Innenstadt hat eine höhere Bodenpacht als eine auf dem Land).
- Diese Pacht wird anteilig auf die Mieter umgelegt – ähnlich wie heute die Grundsteuer oder ein Teil der Betriebskosten.
- Der entscheidende Unterschied zu heute: Steigt der Wert der Lage (weil der Staat z. B. eine neue U-Bahn-Linie baut), steigt zwar die Bodenpacht und damit dieser Teil der Miete. Aber dieses Geld fließt nicht als leistungsloser Gewinn an einen privaten Vermieter, sondern direkt an den Staat, der es wiederum als „Bürgergeld“ oder für den Ausbau der Infrastruktur an alle Bürger (also auch an die Mieter) zurückgibt.
Zusammenfassung für den Mieter
Du zahlst als Mieter weiterhin einen Gesamtbetrag. Dieser setzt sich zusammen aus:
- Nutzungsgebühr für das Haus (Kosten für Bau, Abnutzung, Instandhaltung und einen fairen Unternehmerlohn für den Vermieter).
- Nutzungsgebühr für den Boden (die staatliche Pacht, die dir über gesellschaftliche Leistungen oder Direktzahlungen wieder zugutekommt).
Da kein privater Akteur mehr Geld damit verdienen kann, nichts zu tun (außer Boden zu besitzen), pendeln sich die Mieten auf einem Niveau ein, das die tatsächlichen Kosten des Wohnens widerspiegelt.
Um das Modell für ein konkretes Szenario durchzudenken: Interessiert dich, wie verhindert wird, dass Vermieter die Miete für das Gebäude künstlich hochtreiben, obwohl der Boden verstaatlicht ist?
Ja, das ist ein wichtiger Punkt.
Um zu verhindern, dass Vermieter die Miete für das Gebäude einfach künstlich hochtreiben und sich so die alte „Spekulationsrendite“ durch die Hintertür zurückholen, nutzt die Freiwirtschaft zwei extrem mächtige Hebel: den natürlichen Marktdruck und die staatliche Pachtsteuerung.
In einer Freiwirtschaft verliert der Vermieter seine heutige Monopolstellung. Das unfaire Druckmittel „Friss oder stirb, du findest eh nichts anderes“ wird ihm durch das System entzogen.
1. Der Bau-Boom: Das Angebot regelt den Preis
Heute ist der größte Flaschenhals beim Wohnungsbau der Mangel an bezahlbaren Grundstücken. Spekulanten halten unbebaute Grundstücke jahrelang zurück, weil sie im Wert steigen, ohne dass man einen Finger rühren muss (das sogenannte „Horten“ von Boden).
- Im Freiland-Modell: Wer Boden vom Staat pachtet, muss darauf bauen oder ihn nutzen, da die monatliche Pacht an den Staat sofort fällig wird. Ein Grundstück brachliegen zu lassen, kostet massiv Geld.
- Die Folge: Es wird plötzlich überall dort gebaut, wo Bedarf ist. Das Angebot an Wohnraum explodiert.
- Wenn es aber mehr Wohnungen als Mieter gibt, bricht die Preismacht der Vermieter zusammen. Wer seine Gebäudemiete künstlich hoch ansetzt, findet einfach keine Mieter mehr, weil diese mühelos zur günstigeren Konkurrenz wechseln können.
2. Die „Bodenrente“ als regulatorisches Absaugventil
Der Staat legt die Pacht für den Boden (die Bodenrente) anhand der tatsächlichen Nachfrage nach dieser Lage fest. Versucht ein Vermieter nun, die Miete für das Gebäude in einer begehrten Innenstadtlage künstlich aufzublähen, greift der freiwirtschaftliche Kontrollmechanismus:
- Der Staat sieht, dass Mieter bereit sind, für diesen spezifischen Standort extrem hohe Preise zu zahlen.
- Daraufhin erhöht der Staat die Bodenpacht für dieses Grundstück.
- Das bedeutet: Der künstliche Zusatzgewinn, den der Vermieter einstreichen wollte, wird ihm vom Staat über die erhöhte Pacht sofort wieder entzogen („abgesaugt“). Dem Vermieter bleibt am Ende immer nur der faire Ertrag für die reine Bewirtschaftung des Hauses (Instandhaltung, Verwaltung, kalkulatorische Abschreibung). Es lohnt sich für ihn schlichtweg nicht, die Miete künstlich hochzutreiben.
3. Der Staat als Benchmark (Vergleichsmaßstab)
Da der Staat im Freiland-Modell über die Pachteinnahmen enorme Summen einnimmt, kann und wird er selbst als Bauherr auftreten. Er baut staatliche Mietshäuser zu den reinen Selbstkosten.
- Diese staatlichen Wohnungen dienen als Preisanker auf dem Markt.
- Private Vermieter können für ein vergleichbares Gebäude nicht wesentlich mehr verlangen als der Staat, es sei denn, sie bieten einen echten, spürbaren Mehrwert (z. B. eine luxuriösere Ausstattung oder besseren Service). Der Preis für „normalen“ Wohnraum wird so dauerhaft gedeckelt.
Okay, wir skizzieren hier aber noch nicht die vollständige Freiwirtschaft mit Freiland und Freigeld, sondern nur die Auswirkungen der Einführung von Freiland. Ändert das etwas an dem zu erwartenden Szenario?
Ja, das ändert das Szenario in einem ganz entscheidenden Punkt. Du hast vollkommen recht: Da wir hier das Freigeld bewusst weglassen, müssen wir die Dynamik des bestehenden, klassischen Geldsystems hinzurechnen.
Wenn wir nur Freiland einführen (also den Boden verstaatlichen, das Geld aber lassen, wie es ist), entsteht ein massiver Zielkonflikt bei den Investitionen. Das Szenario verschiebt sich im Vergleich zur „reinen“ Freiwirtschaft wie folgt:
Der entscheidende Unterschied: Wo fließt das Geld hin?
In der vollständigen Freiwirtschaft sorgt das Freigeld (durch die Umlaufsicherung/Minuszinseffekt) dafür, dass Kapital billig ist. Menschen wollen ihr Geld nicht horten, sondern verleihen es fast zinslos für den Bau von Häusern.
Führen wir nun nur Freiland im heutigen Geldsystem ein, passiert folgendes:
- Die positive Auswirkung bleibt: Die Spekulation auf den Boden ist sofort gestoppt. Niemand kann mehr Grundstücke horten. Die Bodenrente fließt an den Staat.
- Das neue Problem (Der Kapitalengpass): Da unser Geld weiterhin gehortet werden kann und Banken für Kredite nennenswerte Zinsen verlangen, streben Investoren nach wie vor nach einer möglichst hohen Rendite für ihr Kapital.
Wie sich das auf die Mieten und den Bau auswirkt
Wenn Investoren ihr Geld nicht mehr in den Boden stecken können, um leistungslose Gewinne zu erzielen, vergleichen sie die Rendite eines Hausbaus mit anderen Anlageformen (z. B. Aktien, Anleihen oder ausländischen Immobilien).
- Geringere private Bautätigkeit: Da der Hausbau durch die Pachtzahlung an den Staat und die weiterhin hohen Zinsen der Banken weniger profitabel ist als die alte Bodenspekulation, werden viele private Investoren den Wohnungsbau komplett meiden. Der erhoffte „private Bau-Boom“ (Szenario 1 aus der vorherigen Antwort) könnte dadurch ausbleiben.
- Der Staat MUSS die Lücke füllen: Da privates Kapital in andere Sektoren abwandert, bricht die Preismacht der Vermieter nicht automatisch durch ein Überangebot an privaten Wohnungen zusammen. Der Mechanismus funktioniert jetzt nur, wenn der Staat die eingenommene Bodenpacht sofort eins zu eins nutzt, um selbst massenhaft Wohnungen zu bauen (Szenario 3).
- Preise steuern sich über staatliche Konkurrenz, nicht über den privaten Markt: Die Eindämmung der Gebäudemiete funktioniert in diesem „Halb-Modell“ nicht mehr primär durch den freien Wettbewerb privater Bauherren, sondern fast ausschließlich über den Staat als regulierenden Großvermieter.
Fazit für dein Szenario
Deine These aus der vorherigen Nachricht bestätigt sich hier erneut: Freiland ohne Freigeld funktioniert, aber es führt nicht zu dem fast von selbst laufenden, marktgetriebenen Paradies der vollständigen Freiwirtschaft.
Es führt stattdessen zu einem System, in dem der Staat eine extrem aktive, tragende Rolle als Bauherr übernehmen muss, weil das private Kapital im bestehenden Geldsystem lieber dorthin flüchtet, wo es ohne Pachtgebühren höhere Renditen erwirtschaften kann. Das System wird dadurch deutlich staatslastiger, löst aber das Problem der unbezahlbaren Mieten in den Ballungsräumen immer noch weitaus besser als unser heutiger Zustand.
Möchtest du genauer betrachten, wie der Staat in diesem Szenario die Bodenpacht verwenden sollte, um den Wohnungsmarkt stabil zu halten, oder interessiert dich, welche Hürden bei der Kreditvergabe durch klassische Banken für solche Häuser auf staatlichem Grund entstehen würden?