Lindenhof
Diese Schilderung ist entnommen aus dem Buch
„Das war 'ne ganz geschlossene Gesellschaft hier“
Der Lindenhof: Eine Genossenschafts-Siedlung in der Großstadt,
herausgegeben von der Berliner Geschichtswerkstatt erschienen 1987 im Dirk Nishen Verlag, Berlin Kreuzberg.
Das gesamte Buch können Sie
hier bestellen.
Das ist die Heimat und bleibt die Heimat

- Das Haus in der Suttnerstraße, wo Frau Sallmann wohnte.
Nachbarschaft im Lindenhof zwischen Mythos und Erfahrung
"Denken Sie mal, ich bin 59 Jahre verheiratet und geh' heute noch mit meiner großen Wäsche nach'm Lindenhof. In die Waschküche. Egal, welcher Waschmeister da ist, ich frag': 'Kann ich waschen?' - 'Aber, Mariechen, warum fragst Du denn, Du als alter Lindenhofer, natürlich kannst Du waschen.' Und das ist ganz wunderbar. Sehen Sie mal, ich komme mit meiner Wäsche hier an, und ich mache sie 'rein in die Trommel, die wird gewaschen, dann kommt sie in den Triesel und wird ausgetrieselt und dann wird sie ausgeschlagen und wird durch die Mangel gelassen, die großen Bezüge und die Tischtücher, alles durch. Stellen Sie sich mal vor, Sie kommen nach Hause und Sie legen die Wäsche so in den Schrank, schrankfertig. Neulich, da sind wir in der Waschküche und da ist eine Dame, 96 Jahre, und die sagt zu mir: 'Mimi, werd so alt wie ich.' Nicht, die Alten, die kennen mich noch, die können ja gar nicht vergessen, wer ich bin und wo ich herkomme, und ich kenne die alle. Wenn wir waschen gehen, ist da auch Frau G. Die hat links von uns gewohnt, früher, und heute wohnt sie rechts von uns. Da war eine Familie G. mit drei Söhnen, und der eine hat die dann geheiratet. Der war Steinmetz und heiratete auch eine aus dem Lindenhof. Wenn wir hier die Domnauerstraße 'runterkommen, und Paula kuckt aus dem Fenster, sag' ich: 'Tag Paula! Wie geht's Dir denn?' - 'Na ja, so einigermaßen, unserem Alter entsprechend.' Und dann sagt sie: 'Mariechen, Du kannst Dich auch nicht trennen vom Lindenhof, was?' Also, verstehen Sie, weil wir da zusammen groß geworden sind, ist das, [...] das ist die Heimat und bleibt die Heimat."
Frau Marie Sallmann ist heute 79 Jahre alt und wohnt seit 1948 nicht mehr im Lindenhof. Trotzdem ist ihre Verbundenheit mit der Siedlung groß. Frau Sallmann legt mit ihrem Mann, auch einem alten Lindenhofer, einmal in der Woche mit einem Berg Wäsche den Weg von Tempelhof nach Lindenhof zurück, mit dem Bus und zu Fuß.
Frau Sallmanns Anhänglichkeit beruht zum einen auf der praktischen und konkreten Arbeitserleichterung, die das moderne Waschhaus der Genossenschaft heute wie früher bietet. Der eigentliche Anreiz, den umständlichen Weg zurückzulegen, sind aber die Kontakte, die sich beim Waschen ergeben: "Das ist ganz wunderbar."
Auf dem Weg, der an ihrer ehemaligen Wohnung vorbeiführt, spricht Frau Sallmann mit ihrer früheren direkten Nachbarin. Diese wohnt noch heute dort, und beide unterhalten sich ganz selbstverständlich über persönliche Probleme, die für sie heute zentral sind: Alter und Krankheit. Die gemeinsame Geschichte ist beiden gegenwärtig und ermöglicht die Vertrautheit heute, trotz der veränderten Lebenszusammenhänge.
Die Verbundenheit Frau Sallmanns entsteht aus ihrer sozialen Bekanntheit unter den alten Siedlungsgenossen: "Die können gar nicht vergessen, wer ich bin und wo ich herkomme." Ihre persönliche Rolle in der Siedlungsgemeinschaft ist heute noch bekannt, ihr Herkommen, d. h. ihre Familie auch. Sie wird geduzt, mit Vornamen oder Kosenamen angeredet. Sie ist ein 'alter Lindenhofer'. Sie gehört immer noch dazu und darf waschen, obwohl sie formal nicht mehr Mitglied ist. Umgekehrt kennt sie selbst auch die Rollen und Lebensläufe der anderen Genossen. Sie findet sich im Geflecht der Beziehungen zurecht, das die Siedlung überzieht und an ihrem Rand endet: 'Wir Lindenhofer' und 'die anderen'. Innerhalb dieses Geflechts hat Frau Sallmann ihre besonderen Beziehungen zu 'den alten'.
Nachbarschaftliche Zusammengehörigkeit wird in unseren Interviews als eine der Besonderheiten des Lebens im 'alten' Lindenhof geschildert. In den Erzählungen werden drei Ebenen beschrieben:
- Die Genossenschaft, die Architektur und die planerische Gestaltung schufen den formalen Rahmen für die Entwicklung. Sie boten z.B. mit den Selbstversorgungsgärten, den Gemeinschaftseinrichtungen wie dem Waschhaus und Siedlungsfesten Anlässe, ins Gespräch zu kommen, zu sehen und gesehen zu werden. Die genossenschaftliche Selbsthilfe war darüber hinaus ein Angebot, materielle Benachteiligungen auszugleichen. Wer von den Bewohnern hätte sich z.B. eine eigene Waschmaschine leisten können? Genossenschaft war zum Teil institutionalisierte Nachbarschaftshilfe für alle Mitglieder.
- Die Siedlungsgemeinschaft setzte sich aus kleineren Teilgruppen zusammen. Die unterschiedlichen Parteien, Vereine, Altersgruppen und sozialen Gruppen (z.B. die Geschäftsleute) waren nicht für alle gleichermaßen zugängliche Fraktionen in der Siedlungsöffentlichkeit. Sie hatten besondere Treffpunkte, besondere Solidar- und Kommunikationsstrukturen. Andererseits beteiligten sie sich am Gemeinschaftsleben aller (an Festen und Hilfsaktionen) und boten z.B. in den über die Siedlung verstreuten Ladenlokalen vielfältige Gelegenheiten, miteinander (oder übereinander) zu reden.
- Zudem bestanden viele informelle Nachbarschaftsbeziehungen der einzelnen Siedlungsbewohner untereinander. Sie entstanden aus räumlicher Nähe und unmittelbarer Nachbarschaft. Diese umfassen fünf bis sechs Häuser, im Höchstfall eine Straße. Ihre Bewohner sahen sich, auch aufgrund der durch Überbelegung beengten Wohnsituation, notgedrungen häufig. Die zum Teil als Außenwohnraum genutzten Balkone und die Gärten schufen zusätzliche Anlässe. Man grüßte, redete miteinander, tauschte und borgte.
Heute hat sich der Schwerpunkt des nachbarschaftlichen Zusammenlebens von der praktischen Hilfe, die in schlechten Zeiten lebensnotwendig und unumgänglich war, verschoben hin zu gemeinsamen Erinnerungen. Am Beispiel der Erfahrungen von Frau Sallmann soll im folgenden versucht werden, die Veränderungen im nachbarschaftlichen Gefüge der Siedlung von 1920 bis in die fünfziger Jahre darzustellen.
Frau Sallmann beharrt auf einem Zusammengehörigkeitsgefühl der gemeinsamen Erinnerung: 'Das ist die Heimat und bleibt die Heimat.' Ihr und anderen unserer Interviewpartner sind die Kontakte und die Verbindung zur Siedlung wichtig.
Aber Marie Sallmann wohnt heute nicht mehr in der Siedlung. Sie will auch nicht dahin zurück. Der Wunsch nach Zusammengehörigkeit und Nähe hat Grenzen, scheint zwiespältig. Wann und wodurch sind diese Grenzen entstanden, welcher Art sind sie? Gelten sie auch für andere Siedlungsgenossen und -genossinnen?